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Ein nasser Nachmittag, der Himmel kann sich nicht so recht
entscheiden in welcher Graufärbung er uns begeistern möchte, die
Tagestemperatur versucht verzweifelt die 5 Grad Marke zu überschreiten
(scheitert dabei aber kläglich) und der schneidige Westwind leistet seinen
persönlichen Beitrag für die Wohlfühlatmosphäre...herzlich willkommen im
Hamburger-Winter! Auf Hamburgs wohl berühmtester Meile, der Reeperbahn, die ja
bei Tageslicht und diesen Wetterverhältnissen doch ziemlich kläglich aussieht, stehen
vor dem alt gedienten Molotow eine Handvoll leicht verloren wirkender Männer im
Nieselregen.
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Tja, so glorreich kann Rock 'n' Roll sein...Die Erklärung für
dieses Warten ist so einfach wie überraschend: Es ist schlicht niemand da, der
einen Schlüssel für das Molotow hat. Und auch hektische Anrufe von Manager und
Tourbegleitung können dieses Problem erst mal nicht lösen. Immerhin bleibt so
genügend Zeit um mit Bassist Neil Wilkinson in eine gemütliche, neben dem
Molotow liegende und vor allem warme Kaffeestube zu flüchten und das nun
folgende Interview zu führen...
Eine Frage muss ich vorweg stellen: Ihr habt eine
Zeit lang darauf bestanden, dass man Euch in Interviews nur mit Fantasienamen
anspricht, um den Fokus weg von den Individuen hin zur Band zu lenken. Gilt das
noch?
[Lacht] Nein, nein...das hat sich erledigt. Wenn du magst, kannst du es
natürlich trotzdem gerne machen, aber nein, das muss nicht mehr sein. Wie du es
ja sagtest, war es gerade zum Release unseres Debüt eine Idee gewesen, um
stärker als Band wahrgenommen zu werden. Mittlerweile hat sich die Komik hinter
dieser Idee, und auch ihr Sinn, erschöpft.
Okay, dann bleibe ich bei den richtigen Namen und
komme nun zu meinen eigentlichen Fragen:
Ihr habt vor dem aktuellen Album eine EP mit dem Titel „Krankenhaus“
veröffentlicht. Als Deutsch sprechender Mensch muss ich da natürlich fragen,
warum ihr diesen Namen für die EP gewählt habt.
Es klang halt ziemlich gut [spricht mit durchaus hörbaren Akzent das
Wort Krankenhaus aus]. Es hört sich auch nicht nach einem Ort an, wo Menschen
geheilt werden. Uns gefiel dieser Widerspruch von Klang und Bedeutung des
Wortes, mehr steckt da aber nicht hinter.
Okay, gleich die nächste „Bennungsfrage“: Euer neues
Album heißt „Do You Like Rock Music?“ und ich finde, so viel sei schon mal
vorweg genommen es durchaus gelungen. Aber wie kommt man denn bitte auf so
einen Albumtitel?
[muss schmunzeln] Ja, ich gebe zu, da haben wir es mit der Kreativität
nicht gerade übertrieben.
Ich meine, als jemand der seine Liebe zur Musik durch
Oasis entdeckt hat, bin ich in Sachen Albumtitel ja einiges gewöhnt, und
letztendlich ist es ja egal wie ein Album heißt, aber hätte man sich nicht ein
wenig mehr Mühe geben können? Oder steckt etwas dahinter, was ich einfach nicht
durchschaut habe?
[muss wieder schmunzeln, besonders beim Oasis-Teil] Nein, da muss ich
dich enttäuschen. Das einzig tiefsinnige an dem Titel war, dass wir uns nicht
all zu lange Gedanken machen wollten. Es gibt Bands die verbringen mehr Zeit
mit der Suche nach einem guten Albumtitel als mit den eigentlichen Aufnahmen.
Dieses Problem wollten wir nicht haben, außerdem sollte es auf dem Album nichts
geben, was von der Musik ablenken könnte. Niemand sollte nach irgend einer
versteckten Botschaft suchen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wer von uns die
Idee dazu hatte, irgendwann war der Vorschlag auf dem Tisch und wir haben ihn
genommen. Ich gebe dir aber recht, vielleicht hätte man sich doch ein paar mehr
Gedanken machen sollen, aber nun ist es zu spät dafür.
Als ich den Titel zum ersten Mal las, musste ich zugegebenermaßen an
Bon Jovi denken. Habt ihr schon mal den Vorwurf gehört, dass ihr Stadion Rock
macht? Und was sagst du dazu?
Ja, das ist mir nicht völlig neu, ich denke aber dieser Vorwurf ist
falsch. Natürlich haben wir auf der einen Seite Lieder mit einem hymnischen
Charakter, mit einem großen Mitsing-Refrain. Auf der anderen Seite, sind,
zumindest eine große Anzahl, unsere Lieder, aber auch viel zu komplex von der
Struktur, vom Aufbau, um für die große Masse geeignet zu sein. Außerdem frage
ich mich, warum wir nicht viel mehr Platten verkaufen, wenn wir so einen tollen
Stadionrock machen...[lacht] Wie viel Millionen haben Bon Jovi verkauft? [lacht
wieder] Letztendlich weiß ich aber woher dieser Vergleich kommt. Er entsteht
schnell wenn man Melodien hat, die leicht ins Ohr gehen, die man schön
mitsingen kann. Wenn nur das ein Auswahlkriterium für Stadionrock ist, nun gut,
dann machen wir halt manchmal Stadionrock. Damit kann ich dann auch leben.
Du hast die Plattenverkäufe erwähnt...Als euer Debüt
„The Decline Of British Sea Power“ erschien, begann gerade der Hype um die
vielen jungen Bands besonders stark zu brodeln. Hast du das Gefühl, dass ihr
dabei ein wenig übersehen wurdet?
Ja und nein. Natürlich hätten wir uns über ein paar mehr verkaufte
Platten gefreut, aber dadurch, dass wir nicht direkt im Fokus der
Öffentlichkeit standen, konnten wir ganz in Ruhe unser Musik machen, ausgiebig
auf Tour, und ohne all zu großen Druck zwei Nachfolger aufnehmen. Ich kann mich
also nicht wirklich beschweren...ich würde mich aber auch nicht beschweren,
wenn wir für das Debüt doppelt Platin bekommen hätten. [lacht] Nein, im Ernst,
ich gönne den anderen Bands ihren Erfolg, und immerhin war bei uns die Anzahl
an verkauften Platten groß genug, dass wir weitermachen konnten. Die Tatsache,
dass ich nach über sechs Jahren mit British Sea Power jetzt hier in Hamburg ein
Interview gebe, spricht ja auch dafür, dass nicht alles falsch gelaufen ist.
Den Release von „Waving Flags“ die erste Singleauskopplung
von „Do You Like Rock Music?“ habt ihr in der tschechischen Botschaft gefeiert,
und das Lied selber habt ihr als einen Willkommensgruß nach Osten, für die
mittlerweile gar nicht mehr so neuen EU-Länder beschrieben. Wie kam es zu
dieser Begeisterung für Osteuropa?
Na ja, das mit dem Willkommensgruß war nicht so ganz ernst gemeint. Man
sollte die Bedeutung des Liedes auch nicht überschätzen, aber wir fanden, es
war an der Zeit einmal zu zeigen, dass man sich auch freuen kann, das Europa
friedlich zusammen wächst. Man sollte sich nicht davor fürchten, letztendlich
profitieren wir alle davon. Ich war im letzten Sommer auch lange privat in
Tschechien unterwegs, und ich war sowohl von den Menschen als auch von der
Natur wirklich positiv beeindruckt.
Gibt es eigentlich einen spürbaren Unterschied in der
Form des Musikkonsums zwischen West – und Osteuropa?
Ja...[überlegt] Ja, ich denke schon, dass durch die Jahrzehnte lange
Unterdrückung seitens der UDSSR, sowie der erzwungen Ablehnung westlicher
Produkte, eine andere musikalische Entwicklung genommen wurde. Es herrscht
natürlich auch ein ganz anderes kulturelles Milieu als beispielsweise in
England. Meistens ist die Musik in Osteuropa, wenn man das denn so
verallgemeinern kann, zumindest technisch gesehen von sehr billiger Machart,
und in meinen Ohren klingt das fast alles ziemlich schlimm. Es gibt auch nur
eine überschaubare Szene in Sachen Gitarrenmusik und es ist auch nicht so, dass
wir dort unglaublich viele Platten verkaufen. Wenn es aber kleinere Gigs gibt,
so sind die fast immer rappelvoll, obwohl uns die Leute meist überhaupt nicht
kennen. Es reicht schon ein wenig Mundpropaganda, dass da eine Band aus England
kommt. Die Begeisterung für Gitarrenmusik ist also durchaus auch in Osteuropa
vorhanden.
Gerade in Deutschland gibt es viele Menschen die sich
vor EU-Osterweiterung fürchten und ihr sehr kritisch gegenüberstehen. Wie sieht
das in England aus?
Davon gibt es auch in England leider eine ganze Menge, was sehr schade
ist. Irgendwelche Idioten schmieren dann auf der französischen Seite des
Eurotunnels Sachen wie „Polen – wir wollen euch hier nicht“ an die
Tunneleinfahrt. Traurig, aber engstirnige Menschen gibt es wohl überall.
„Waving Flags“ ist aber nicht nur ein
Willkommensgruß, sondern beinhaltet auch die Zeilen „So welcome in / We are
barbarians / Oh welcome in / Across the Carpathians / Oh we can't fail / We are
from Slavia / Oh welcome in / Across the stadion / Oh we can’t fail / Not with
Czech Ecstasy...“ die von den Fans von Slavia Prag stammen...
Ja, das ist richtig. Als wir in Prag waren, wurden wir ins Stadion von
Slavia eingeladen. Auch der Name des Liedes, also „Waving Flags“, stammt daher.
Als die Mannschaft von Slavia einlief schwenkten die Fans unglaublich viele
Flaggen, das ganze Stadion verwandelte sich in ein Flaggenmeer. Und dann sangen
sie halt [Welcome in...]. Das haben wir dann gleich übernommen.
Da Du gerade davon sprichst, interessiert Dich
eigentlich Fußball?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben zwar im Umfeld der Band einige
Fußballverrückte, aber ich kann damit nicht wirklich was anfangen.
Schade, ich wollte gerade ein wenig über die
vergeigte EM Qualifikation der englischen Nationalmannschaft sprechen...
England hat sich gar nicht qualifiziert? Wo findet die EM denn statt?
In Österreich und der Schweiz.
Na ja, dann können sich diese Länder freuen, dass sie von einer nicht zu
unterschätzenden Anzahl von Idioten verschont bleiben. Aber wie gesagt, mir ist
Fußball ziemlich egal. Im Stadion zu sein ist zwar wegen der ganzen Emotionen,
die dich umhüllen, ganz nett, aber auch nichts was ich andauernd haben muss.
Ich muss an dieser Stelle einmal kurz ein wenig
Werbung für den wohl besten Fußballverein der Welt zu machen. Schon mal was vom
FC St. Pauli gehört [Schal und Wappen werden gezeigt]?
[schaut sich interessiert den Braun-Weißen Schal mit dem Wappen an]
Nein, tut mir Leid, sagt mir überhaupt nichts.
Das wundert mich nicht, wir sind auch nur ganz selten
erfolgreich. Wir haben es auch geschafft innerhalb von zwei Jahren direkt aus
Liga 1 in die dritte Liga abzusteigen. Dafür haben wir die tollsten Fans der
Welt. Über 60.000 haben den Wiederaufstieg in die zweite Liga gefeiert. Wenn du
Emotionen erleben willst, dann komm zu uns ins Millerntorstadion.
Ein schlechtes Team mit guten Fans? Das hört sich nach der perfekten
Mischung an...[lacht]...mal schauen, vielleicht schaffe ich es ja mal vorbei zu
schauen.
Okay, ich will dir auch gar nicht weiter mit Fußball
auf die Nerven gehen, lass uns zurück zum Album kommen. In „Canvey Island“
heißt es „Don't you think it's strange, you know / The way it all works out
/ Brace yourself for storms and Summer droughts“ Eine Warnung, ein Hinweis,
auf die Klimaerwärmung?
Ich kann die Frage nur bedingt
beantworten, weil ich die Lyrics nicht geschrieben habe. Aber ich denke mal
schon, dass die Klimaerwärmung in diesem Song eine wichtige Rolle spielt.1953
gab es eine große Flutkatastrophe auf Canvey Island und nun, oder in der
mittleren Zukunft droht sich das ganze zu wiederholen.
Hast du denn selber Angst vor der Klimaerwärmung?
Ehrlich gesagt nicht wirklich...ich könnte zur Not auch ohne weiteres
auf Pfählen leben...[lacht]
Auf „Do You Like Rock Music?“ geht es häufig um die
ganz großen Themen: Liebe, Hass, Gut, Böse, Apokalypse und Vergebung...Ist es
einfacher oder vielleicht auch besser, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen,
als über den Supermarkteinkauf zu singen?
Grundsätzlich ja. Es gibt natürlich auch viele große Lyriker, die über
alltägliches schreiben und das auch sehr gut hinkriegen. Ich bin aber der
Meinung, dass es für den Zuhörer besser ist, wenn man sich auf eine schwer
greifbare Position zurückzieht, so dass sich jeder selber seine eigenen
Gedanken machen. Und da ist aber nun mal einfacher von Gut und Böse zu singen
als vom letzten Supermarkteinkauf.
In „No Lucifer“ wird auch mit biblischen Bilder
gespielt, so heißt es beispielsweise „To Sodom I will go, Not to Megiddo“
(Leser die nicht ganz so Bibelfest sind, schauen bitte mal hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Megiddo
und hier http://de.wikipedia.org/wiki/Sodom_und_Gomorrha).
Woher kommt diese biblische Begeisterung?
Wieder kann ich mich nicht wirklich dazu äußern, da der Text von meinem
Bruder stammt. Er ist zwar kein religiöser Mensch, ist aber sehr interessiert
in solchen Dingen. Was er sich genau dabei gedacht hat, ist mir auch unklar.
Das geht mir aber häufiger so. Vielleicht weiß er es selber manchmal nicht so
ganz genau was er da schreibt [lacht].
Ihr seid jetzt bald auf langer USA Tour. Verfolgst du den US-Vorwahlkampf?
Und hast du irgendeinen Favoriten?
Ich kriege das zwar so am Rande mit, aber dass es mich wirklich
interessiert kann ich nicht behaupten. Es sind ja auch nur die Vorwahlen. Die
Frau von Clinton...
...Hillary...
ja, genau, ist mir aber grundlegend unsympathisch. Warum genau, kann ich
gar nicht sagen...aber da ist irgendetwas an ihr, was mir überhaupt nicht
gefällt. Obama dagegen macht einen guten Eindruck, aber da ich seine Positionen
nicht wirklich kenne, kann ich mich da auch nicht allzu tiefschürfend äußern.
Gibt es denn eine Stadt oder einen Ort auf den du
dich besonders freust?
In der USA?
Ja.
Nicht wirklich. Ich würde aber sehr gerne mal nach Montana, in die
Nationalparks...Yellowstone-Nationalpark, der Glacier-Nationalpark...das würde
mich schon sehr reizen. Leider werden wir es dorthin nicht schaffen, weil keine
größere Stadt in der Nähe liegt. Da muss ich wohl auf eigene Faust mal hin.
Zum Abschluss noch eine Frage aus persönlichen
Interesse: Ich halte „Fear Of Drowning“ für euren großartigsten Song. Werdet
ihr ihn heute Abend auf dem Konzert spielen?
Ja, und sogar zum Anfang des Gigs.
Ich freue mich drauf und bedankte mich für das
Interview.
Nachtrag: „Fear Of Drowning“ wurde tatsächlich gespielt. Das ich das
Lied, beziehungsweise das Konzert, erleben durfte, hing aber an einem seidenen
Faden, da nämlich die Gästeliste für das Konzert verschlampt worden ist
(irgendwie ging an diesem Tag anscheinend einiges schief) und ich (+Begleitung)
nicht am Türsteher vorbei kamen. Zufälligerweise lief uns aber Bandmanager Dave
über den Weg, der uns dann ins Molotow hinein lotsen konnte. Auch wenn er dies
wohl kaum lesen wird: Nochmals vielen Dank dafür!
http://www.britishseapower.co.uk/
http://www.myspace.com/britishseapower
(Peet Behm)
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