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PopZine.de - BLONDE REDHEAD – Interview
BLONDE REDHEAD – Interview PDF Drucken E-Mail
blonde_redhead

Längst schon haben BLONDE REDHEAD den Status eines Geheimtipps hinter sich gelassen. Fast ausschließlich durch Mundpropaganda ist das italienisch-japanische Trio aus New York City langsam aber stetig zur Kultband avanciert, der es auch im 15. Jahr ihres Bestehens noch gelingt, mehr und mehr Anhänger um sich zu scharen.

Waren BLONDE REDHEAD anfangs im Umfeld von SONIC YOUTH und FUGAZI unterwegs, haben sie mittlerweile mit ihrem zeitlosen und eigenwilligen Sound eindrucksvoll bewiesen, zu welcher Entwicklung eine Post-Punk-Band fähig sein kann. 

Insbesondere der geheimnisvoll dahingehauchte Gesang von Kazu Makino verleiht der Band eine nahezu überirdische Aura, die das Zwillingspaar Simone und Amedeo Pace anhand von Drums, Gitarre und zahllosen weit ausgefalleneren Mitteln – jedoch ohne Bass – noch unterstreicht.

Popzine.de hat versucht, den Mythos BLONDE REDHEAD zu lüften, was das aktuelle Album „23“ angeht, das im April dieses Jahres erschien. Zu diesem Zweck haben wir uns vor dem Konzert im Kölner Gebäude 9 mit Drummer Simone Pace zu einem Gespräch an einem sonnigen Plätzchen verabredet.

 
Die meisten Kritiker sehen in eurer Diskografie einen bedeutenden Einschnitt zwischen den Alben „Melody Of Certain Damaged Lemons“ und „Misery Is A Butterfly“. Ich habe mich gefragt, ob es nicht vielleicht eher korrekt wäre, diesen Einschnitt schon früher, zwischen „In An Expression Of The Inexpressible“ und „Melody Of Certain Damaged Lemons“ anzusetzen.

Was meinst du mit Einschnitt? Einen Unterschied?

Ja, eine gewisse künstlerische Weiterentwicklung eurer Musik. 

So was wie eine Veränderung?

Ja, genau. Wo würdest du einen Einschnitt sehen? Siehst du überhaupt einen?

Ich sehe eine sehr große Veränderung zwischen jeder Platte. Aber meines Erachtens hängt es immer davon ab, worauf man sich beim Hören konzentriert. Zum Beispiel gibt es auch große Unterschiede zwischen den ersten beiden Alben. Die Songs auf der zweiten Platte sind viel melodischer. Und auch zwischen „Fake Can Be Just As Good“ und „In An Expression Of The Inexpressible“. Aber du denkst, dass die Veränderung zwischen „Melody“ und „Misery“ größer ist, ja?

Das entspricht dem, was man häufig über euch liest. Ich persönlich nehme es so wahr, dass die größte Veränderung zwischen „In An Expression...“ und „Melody“ stattgefunden hat.

Ja, ich denke du hast Recht.

Denn es ist der Wendepunkt mehr zum Pop hin und die Musik ist nicht mehr so aggressiv und zornig, sondern vielmehr melancholisch, manchmal sogar traurig. Also würdest du eher sagen, dass ihr euch kontinuierlich weiterentwickelt habt, oder dass es  zwischen jeder eurer Platten einen Einschnitt gibt?

Auf jeden Fall überlegen wir uns für jedes Album ein anderes Konzept. Wir versuchen wirklich, uns etwas auszudenken, das eine Platte so werden lässt, wie wir sie in genau diesem Moment haben wollen, ohne darüber nachzudenken, was wir vorher gemacht haben. Wir sagen nicht: „Misery war so ein gutes Album, lass uns noch mal so was ähnliches machen!“ Wir wollen uns nicht wiederholen. Das ist der Grund, warum es jedes Mal so eine große Veränderung gibt.

Aber ich denke schon, dass vielleicht zwischen „In An Expression...“ und „Melody“ der Wendepunkt für uns liegt, an dem wir uns entschlossen haben, uns selbst zu erlauben, mehr Pop zu sein – auch wenn ich dieses Wort hasse. Auf eine gewisse Art melodischer.

Man hat immer das Gefühl, ein Risiko einzugehen, weil die Leute gewisse Dinge von einem erwarten. Und ich denke, insbesondere als sie zum ersten Mal „In An Expression…“ gehört haben, dachten sie: „Was macht ihr da? Was ist hier los?“ Aber wir waren sehr glücklich mit dem Album.

Also erkennt ihr diese Veränderungen schon, während ihr an einer Platte arbeitet?

Ja, beim Schreiben. Manchmal überlegen wir auch währenddessen, was uns jetzt wohl Spaß machen würde und probieren einfach verschiedene Dinge aus. Wir versuchen, auch mal spontan an die Sache ranzugehen, ohne darüber nachzudenken, was andere Leute davon halten. Ich finde das wichtig.

Im Song „The Dress“ gibt es eine Zeile „people hate you when you’re changing“. Euch ist offenbar bewusst, dass ihr nicht nur gute Reaktionen auf jede Veränderung bekommt. Berührt euch diese Kritik? Nehmt ihr sie euch zu Herzen?

Ein bisschen schon. Denn sie engt einen in gewissem Sinne ein. Es erfordert manchmal ganz schön viel Mut, sich zu verändern. Und vielleicht hätten wir heutzutage in der Welt weniger Probleme, wenn mehr Leute dazu bereit wären, sich zu verändern…

Aber es ist im Grunde eine widersprüchliche Angelegenheit, denn einerseits wird Veränderung schon gewürdigt, aber ab und zu wird sie einem auch verübelt. Die Reaktionen sind jedenfalls immer sehr heftig.

Wir sind uns zwar dessen bewusst, aber es hat uns nie davon abgehalten, Neues auszuprobieren. Das wird auch in Zukunft nicht passieren.

Obwohl der Wendepunkt für euch also schon ein Album früher zu sehen ist, gibt es seit „Misery“ unbestreitbar eine andere Klangatmosphäre. Damals wurde sie durch Streicher erzeugt, auf „23“ stattdessen durch Klangwände, oder eher Klangräume, die einen von überall her packen. Warum fandet ihr Streicher unpassend für die Songs auf „23“ und wer bzw. was hat euch dazu inspiriert, auf der letzten Platte mit neuen Sounds zu experimentieren?

Die Idee mit den Streichern ist aus dem Moment heraus entstanden. Wir wollten das schon länger ausprobieren, und damals hatten wir die Möglichkeit, das umzusetzen. Also haben wir es gemacht, und das war gut.                                                                                                       

Hattet ihr rückblickend den Eindruck, dass es nicht so gut funktioniert hat, wie ihr es euch erhofft hattet?

Nein, im Gegenteil. Wir haben das mit wirklich ungewöhnlichen Mitteln gemacht, denn im Prinzip kommen alle Streichinstrumente von einer, oder vielmehr zwei Personen. Eine Frau spielte Cello und Eyvind (Kang, Anm.) spielte alle anderen – Violas und Violinen. Die einzelnen Tonspuren wurden übereinander gelegt und so dieses Mini-Orchester geschaffen.

Ich fände es schon toll, eines Tages etwas mit einem Orchester aufzunehmen, oder vielleicht sogar ein Konzert mit einem Orchester zu spielen, mit Songs von „Misery“ und „23“, vorausgesetzt man hätte ein richtig tolles Arrangement. Aber ich denke „23“ kam „von einem anderen Ort“. Wir wollten wirklich eine viel auffälligere und gleichzeitig einfachere kompakte Platte machen, die mit wenigen Instrumenten auskommt und sich auf einige Grundideen beschränkt.

Bereits von Anfang an, als wir mit dem Schreiben anfingen, strukturierte sich das Material irgendwie selbst dahingehend. Wir ließen uns von einfachen Songs mit elementaren minimalistischen Ideen inspirieren. Was die Atmosphäre angeht, war die Platte als wir mit den Aufnahmen fertig waren in gewisser Weise noch richtig trocken und kahl. Ein Großteil der Atmosphäre wurde erst durch das Abmischen geschaffen.

Auf mich wirken die Platten vor „Misery“ vom Sound her direkter, und ich könnte mir vorstellen, dass es kein großer Unterschied war, sie einzuspielen und damit live aufzutreten. Doch bei den letzten zwei Alben gibt es dann diese „gemixten“ Sounds...

Soundscapes, ja...

Meintest Du eben mit trocken, dass die neue Art des Songschreibens solche Soundscapes erfordert hat?

Nein, was ich mit trocken meine ist, dass das Material, das wir aufgenommen hatten, vor dem Abmischen noch roh war. Das war allerdings Absicht, weil wir viel Freiheit für den Mix lassen wollten. Wir haben dafür mit zwei verschiedenen Leuten gearbeitet, die beide ihren ganz eigenen Stil haben, denn wir wollten, dass sie der Platte etwas hinzufügen, was uns selbst nicht möglich war. Unsere Hauptzielsetzung war, dafür jemanden zu holen, den wir wirklich respektieren und der wirklich gut ist, um herauszufinden, was diese Person zu unserer Musik beitragen kann, anstatt dass wir immer alles alleine machen.

Aber vorher weiß man nie, was dabei rauskommt. Und man kann es auch noch nicht entdecken, während man es tut. Ich wusste nicht, dass wir diese Art Atmosphäre für die Platte wollten, bevor wir tatsächlich anfingen, am Mix zu arbeiten. Denn wir wussten ja vorher auch gar nicht, welches Equipment uns zur Verfügung stehen würde. Am Ende nahmen wir für die Songs, die Rich Costey produziert hat, viele Parts mit diesem alten ARP Synthesizer neu auf, der zwei Lautsprecher hatte. Er stellte einfach zwei Mikros vor diese Lautsprecher, und wir schickten die Drums und die Vocals durch, nur um dem ganzen eine andere Textur zu geben, einen verzerrten, körnigen Sound. 

Irgendwie gefiltert?

Ja, nur um diesem Sound eine andere Schicht hinzuzufügen. Und dann hatte er großartige alte italienische Effektgeräte für den Nachhall. So kam der Vibe zustande.

Es hört nicht auf, bis die Platte gemastert wird, bis man das Gefühl hat, dass sie fertig ist. Erst danach kann man sagen, was für eine Platte man gemacht hat. Unbewusst weiß man zwar vorher, was man machen will, aber man erwartet nicht wirklich von sich selbst, es herauszufinden, bis man es tatsächlich macht.

Also wart ihr auch echt überrascht von dem Endresultat?

Auf gewisse Art sind wir das immer.

Hat vielleicht auch der Labelwechsel eure Bereitschaft beeinflusst, neue Mittel anzuwenden, um eine andere Soundatmosphäre zu schaffen?

Ob uns das Label nahe gelegt hat, das zu tun?

Nein, nicht unbedingt... ja, vielleicht auch das, oder... wie würdest du den Unterschied zwischen Touch and Go und 4AD beschreiben, was euren Schaffensprozess angeht? Habt ihr jetzt mehr Freiheiten? Wolltet ihr diese Soundscapes auch schon bei Touch and Go ausprobieren, dachtet aber, dass man das dort nicht schätzen würde oder seid ihr total frei?

Ja, das sind wir. Uns war immer klar, bei was für einer Art Label wir sein wollten, und man hat uns nie diktiert, wie wir unsere Musik schreiben sollen.

Was „23“ angeht, kann ich aber eins sagen. Ed (Horrox, Anm.), der A&R, ist ein Supertyp, dem wir sehr vertrauen. Er kam manchmal zu Proben, um sich die neuen Songs anzuhören, und hat uns ein paar Verbesserungsvorschläge gemacht. Denn natürlich wollen wir auch Platten verkaufen.

Ich denke unsere Musik ist dafür gut genug, und es gibt einen Haufen schlechter Musik, die kommerziell viel erfolgreicher ist als unsere. Ich bin echt froh, wenn ich sehe, dass Bands wie INTERPOL oder ARCADE FIRE Erfolg haben, denn ich finde, dass sie es verdient haben. Wenn man alles in eine Waagschale legt...

Also verstehe ich dich richtig, dass ihr – in gewissem Maße – auch an ein mögliches Publikum denkt, wenn ihr Songs macht, oder beeinflusst das eure Arbeit nicht?

Schon direkt am Anfang unserer Karriere konnten wir uns ein gewisses Publikum aufbauen. Dessen waren wir uns immer bewusst. Aber wir hatten wirklich Glück, denn unser Publikum ist gewachsen, es hat sich ausgeweitet, ausgehend von einer guten Art von Hörer. Nicht so wie bei FUGAZI, wo es bei Konzerten permanent Schlägereien gibt. Bei uns war das zwar früher auch ein bisschen so, denn wenn man mal in einer Hardcore-Band gespielt hat, kommen die Leute auch später zu den Konzerten, weil sie die alte Band mochten.

Schließlich haben wir angefangen, Shows ohne Altersbegrenzung zu spielen, was uns sehr wichtig war, in den USA. Bei diesen Konzerten wird kein Alkohol ausgeschenkt, deshalb kamen dort statt betrunkener Randalierer ganz tolle junge Kids hin, die genau wussten, was ihnen gefällt. Es gab keine unangenehmen Vorfälle.

Aber um wieder auf heute zurückzukommen, finde ich, dass unser Publikum zwar immer größer wird, aber die Qualität ziemlich gut ist. Wir verkaufen ja auch schließlich nicht eine Million Platten. Wir haben keine Ahnung, wer unsere Musik kauft, und ob es eine gewisse Beständigkeit bei unseren Hörern gibt. Trotzdem haben wir das Gefühl, uns momentan in einer wirklich guten Lage zu befinden. Das ist schwierig, denn in gewissem Sinne wollen wir natürlich wachsen, mehr Platten verkaufen und so weiter, aber andererseits... wie gesagt, unsere momentane Lage ist super und ich wünschte, wir könnten von hier aus einfach kontinuierlich weiter wachsen. Wir haben so viele Jahre gebraucht, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Andere Bands brauchen dafür nur ein Jahr oder eine Platte.

Also würdet ihr für mehr Erfolg nicht eure Seele an den Teufel verkaufen?

Nein, das wäre so was wie bei einem Majorlabel zu unterschreiben und einen Riesenbatzen Geld zu bekommen. Aber irgendwie zahlt man letztendlich doch drauf... nein, daraus mache ich mir nichts.

Die Musik auf „23“ wird von Kritikern oft mit dem Wort „lush“ beschrieben und mit Shoegaze verglichen. Wie viel davon ist das Verdienst eures Produzenten Alan Moulder?

Lush? Hm... (lacht), ich denke er hatte ziemlich großen Anteil daran. Das muss man eindeutig so feststellen, denn er hat mit dem Mix wirklich großartige Arbeit geleistet. Wir sind große Fans von MY BLOODY VALENTINE und die Platte „Loveless“ ist ein grandioses und zeitloses Album. Man merkt, dass er ihm seinen speziellen Stempel aufgedrückt hat.

Zum Abmischen sind wir nicht mal selbst nach England gefahren, sondern haben Alan einfach die Dateien geschickt und gesagt: „Mach was du willst!“ Er war echt überrascht, aber wir meinten nur: „Was auch immer du tun willst, mach es einfach! Wir hören es uns dann an, wenn es fertig ist.“ Und jedes Mal, wenn er uns einen Song zurück schickte, konnten wir es kaum fassen, so glücklich waren wir mit dem Ergebnis!

Während er daran gearbeitet hat, haben wir dann die restlichen Songs abgemischt. Eigentlich hätten wir uns gewünscht, dass er die ganze Platte gemacht hätte. Aber, ich denke auch so (obwohl er nur „23“, „Dr. Strangeluv“ und „Silently“ produziert hat, Anm.) hat er wirklich viel Input für die Platte geleistet, und ich bin wirklich froh, dass wir das mit ihm gemacht haben.

Rich Costey hat die anderen Songs produziert. Wart ihr mit ihm genauso zufrieden?

Ja, er arbeitet ganz anders als Alan. Am Ende war es eine seltsame Situation, denn wir wollten Richey nicht Alans Songs vorspielen, weil wir keine Konkurrenz zwischen den beiden entstehen lassen wollten. Wir wollten, dass beide genau das tun, was sie gut können. Aber am Ende wurde es schwierig, denn wir hatten drei Songs, die sich ganz anders anhörten als die anderen. Wir mussten die Platte dreimal mastern, um die Songs einander anzupassen. Insbesondere Richeys Songs mussten umgearbeitet werden, da sie viel dunkler als die auffälligen und schlagkräftigen von Alan waren.

Aber er war super. Er hat dem Album durch seine Songs eine bestimmte Atmosphäre verliehen, die noch nicht da war, als wir mit den Aufnahmen fertig waren. Insofern war es gut. Außerdem waren wir vor Ort und konnten ihm ein bisschen auf die Nerven gehen. Manchmal waren wir wirklich in Experimentierlaune und fragten ihn die ganze Zeit: „Können wir dies mal ausprobieren, können wir das mal ausprobieren?“ Er arbeitete sehr ernsthaft und rollte dann immer mit den Augen und sagte: „OK, na gut, meinetwegen.“ (lacht) Aber ich muss fairerweise zugeben, dass wir manchmal die Leute ein wenig verwirren.

Wenn man sich die Regisseure eurer Musikvideos ansieht, sind da ein paar große Namen dabei: Chris Hopewell, Mike Mills...

Das von Mike Mills (für „Top Ranking“, Anm.) habe ich noch gar nicht gesehen.

Echt nicht? Miranda July spielt darin mit.

Ja, ich weiß.

Na ja, es ist ganz lustig…

Hast du es gesehen?

Ja, auf YouTube. Also abgesehen von dem Musikvideo als Kunstform, als eine Art Kurzfilm, findest du es wichtig, sich auf diese Weise an der Musikindustrie zu beteiligen?

Das letzte woran wir gedacht haben, als wir die Videos gemacht haben, war die Musikindustrie. Denn heutzutage ist es so schwierig, auf einem großen Sender gespielt zu werden! Wir haben es eher im Hinblick auf Myspace und YouTube gemacht.

Natürlich ist es uns nicht egal, uns so zu präsentieren, im Gegenteil. Aber wir würden niemals Kompromisse machen, was unsere künstlerischen Ideen angeht, nur um dann… ach, ich sehe zum Beispiel auf MTV einige Videos, die einfach gar nicht gehen. Die sind so schlecht, dass ich einfach nur sterben will, wenn ich sie sehe… und die Songs erst – schrecklich!

Na da ist es doch gut, eine Alternative dazu zu bieten.

Ja, ich denke unser Video (für „23“, Anm.) lief in den USA auf MTV bei „Subterranean“. Diese Sendung kommt sehr, sehr spät abends. Aber mir gefällt das Video, denn es ist schön zum Anschauen, der Song ist toll, wir hatten einen Riesenspaß beim Filmen und die Regisseurin (Melodie McDaniel, Anm.) ist auch super. Aber jetzt will ich das von Mike Mills sehen! (lacht)

Ich würde gerne noch mal darauf zurückkommen, dass eure Musik mit der Zeit „zahmer“ geworden ist. Hast du den Eindruck, dass dieser Prozess in eurem Fall etwas mit dem Älter- oder Reiferwerden zu tun hat? Reflektiert der ruhigere Charakter der neueren Platten auch eine Veränderung in euren Persönlichkeiten? Und falls ja, wo würdest du den Hintergrund dafür sehen?

Also ich denke ja nicht, dass die Platten zahmer geworden sind... aber vermutlich existiert tatsächlich eine innere Schönheit, die wir anfangs versteckt haben. Denn so war damals die Zeit. Aber wir hören auch sehr gerne sehr schöne Musik.

Einerseits ist Punk Rock zwar ganz toll, die Freiheit, die Art, wie man einfach rebellisch sein kann, wie man sich einfach ohne Rücksicht auf Verluste ausdrücken kann. Als wir damals mit FUGAZI und UNWOUND auf Tour waren, hatten wir wirklich einen Platz für die Art Musik gefunden, die wir damals machten. Alles passte.

Aber ich persönlich war nicht wütend, ich fühlte mich nicht allzu sehr als Punkrocker. Es gab mir einfach eine gute Energie, die typisch für diese Zeit war. Eins der wichtigsten Konzerte, das wir jemals gesehen haben, war PAVEMENT mit MY BLOODY VALENTINE. Ich glaube das war als die erste Platte „Slanted And Enchanted“ gerade herauskam, erinnerst du dich? Kennst du das Album?

Ja, klar. Natürlich.

Und sie waren so verrückt! Es war ihnen egal, aber sie waren so großartig, das war unbeschreiblich. Dann haben MY BLOODY VALENTINE gespielt und das war so verrückt anzuschauen, so laut und einfach fantastisch live – 100%ige Schönheit und Energie. Es war einfach unglaublich, dem ausgesetzt zu sein...

Wenn ich die neuen Songs live spiele, habe ich nicht den Eindruck, dass sie zahmer oder ruhiger sind als die anderen. Das Gefühl ist immer noch das gleiche. Ich bin beim Spielen wirklich angespannt, denn ich fühle, dass die Songs diese Energie brauchen. Tatsächlich hören sich unsere Alben unterschiedlich an, und wir sind durch viele verschiedene Veränderungen gegangen. Aber ich denke, sobald wir live spielen, kommt alles an einem Ort zusammen, die alten und die neuen Songs. Also... ich weiß nicht ob das deine Frage beantwortet

Ja, ich bin zufrieden. Vielen Dank!

Obwohl wir noch ungefähr tausend weitere Fragen gehabt hätten, wurden wir an dieser Stelle leider freundlich gebeten, das Interview abzubrechen, weil die Band zum Soundcheck musste.

Trotzdem wird uns dieses Gespräch sicherlich lange in positiver Erinnerung bleiben, nicht zuletzt da Simone es auf faszinierende Weise verstand, selbst nach mehrminütigem Abschweifen letztendlich doch wieder auf die eigentliche Frage zurückzukommen.

Als Fazit bleibt, ohne den Mythos zerstören zu wollen, dass BLONDE REDHEAD lange nicht so esoterisch sind, wie es Musik und interne Konstellationen vermuten ließen. Sollte diese Band einmal die Weltherrschaft erringen, stecken bestimmt keine übersinnlichen Mächte dahinter, sondern vor allem Selbstbewusstsein und harte Arbeit. Wie es sich für Popstars gehört.

 

http://www.blonde-redhead.com

http://www.myspace.com/blonderedhead

 

(Christiane Eck, Patrick Gschwend)

 


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