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PopZine.de - SHITDISCO - Interview
SHITDISCO - Interview PDF Drucken E-Mail
shitdiscoFoto: Pressefoto
SHITDISCO, das sind vier ehemalige Kunsthochschüler aus Glasgow, die vor einiger Zeit auszogen, die internationale Partyszene mit energetischen Dance Punk Hymnen aufzumischen. Mindestens genauso wichtig wie die Musik selbst ist ihnen dabei, ihren Ruf als Band zu wahren, die überall auftritt, wo man es ihnen anbietet – sei es auf Privatpartys, in stillgelegten Tunnels oder in leer stehenden Containern. Erst am Vortag haben sie nach Ihrem Gig im Berliner Magnet die Tanzflächen der Hauptstadt unsicher gemacht. 

 

Popzine.de fragt nach, ob Katerstimmung herrscht und versucht zu klären, warum ihr kürzlich erschienenes Debütalbum „Kingdom Of Fear“ Kritiker allerorts in Verwirrung stürzt.Wir wollen wissen, ob es aus reinem Spaß an der Freud entstanden ist, oder ob gar revolutionäres Gedankengut dahinter steckt. Zur moderaten Uhrzeit von 19 Uhr treffen wir den frisch geduschten, sympathischen und mitteilsamen Bassisten/Gitarristen/Sänger der Band, Joe Reeves, der uns offen und freundlich Auskunft gibt.  

Gestern habt ihr in Berlin gespielt. Ich habe gelesen, dass ihr danach noch in einem Club dort aufgelegt habt. Wie war das? Haben die Leute getanzt? Was habt ihr so aufgelegt?

Es war super! Kennst Du den Club Dr. Pong, den Ping Pong Club? Der ist grandios. Er ist gar nicht weit weg vom Magnet, vielleicht eine Meile die Straße runter. In einem Raum dort gibt es eine Tischtennisplatte, und die Leute haben Rundlauf gespielt. Deshalb wollten wir etwas spielen, das sie dazu animieren sollte, immer schneller zu laufen – immer noch schnellere Musik.

Wir haben auch erst so gegen 4 Uhr morgens angefangen aufzulegen, als es draußen schon hell wurde, da wäre es sowieso Schwachsinn gewesen, Entspannungsmusik aufzulegen, also haben wir schnelle Dance Musik gespielt, z.B. JUSTICE und DAFT PUNK. Aber es war gut!

Hat es den Leuten gefallen?

Ja, die Leute haben getanzt. Wahrscheinlich hätten wir zu dem Zeitpunkt auch egal was spielen können, und die Leute hätten getanzt. Die waren alle schon total betrunken…

Ich bin Mitte letzen Jahres durch den „Digital Penetration“ Sampler auf euch aufmerksam geworden, auf dem euer Song „Disco Blood“ drauf ist. Die Compilation habe ich nur zufällig in London gekauft, weil ich einige Bands darauf aus dem Umfeld der Kölner Band Mit kannte, die ich super finde. Ihr habt doch auch schon mit Mit gespielt...

Ja, erst gestern.

Seid ihr befreundet?

Ja! Also ehrlich gesagt, abgesehen von DAFT PUNK sind sie meine Lieblingsband. Gestern wurde ich in einem Interview gefragt, was ich so höre, und ich habe geantwortet: DAFT PUNK und MIT. Ich rede ständig über Mit. Immer wenn wir auflegen, spielen wir Mit. Wir lieben sie.

Ich wollte, dass sie die ganze Tour mit uns spielen, wir haben sie auch gefragt, aber sie hatten leider schon ein paar andere Verpflichtungen. Morgen in Hamburg spielen wir wieder mit ihnen. Heute konnten sie nicht hier sein, weil sie in Brighton auftreten, aber das weißt du ja wahrscheinlich... Jedenfalls – ich liebe diese Jungs. Sie sind wirklich cool!

Ihr alle kommt ursprünglich aus England, habt euch aber in Glasgow kennen gelernt. Ihr habt an der dortigen berühmten Kunsthochschule studiert und lebt immer noch da. Fühlt ihr euch als Band zur schottischen Musikszene zugehörig, oder vielleicht sogar der Glasgower Szene im speziellen? Seht ihr euch in der Tradition anderer schottischer Bands wie beispielsweise FRANZ FERDINAND, BELLE AND SEBASTIAN oder ARAB STRAP? Oder ist euch die Frage der Nationalität gar nicht so wichtig?

Das hat für uns keine große Bedeutung. Ich finde, dass es momentan sowieso schwierig ist, irgendwelchen Nationalstolz zu empfinden, wenn man in Großbritannien lebt. Denn politisch gesehen ist dieses Land zur Zeit echt abgefuckt... aber was die Musik angeht, waren wir auch nie Teil irgendeiner schottischen Szene.

Wir sind ja dorthin gezogen, um Kunst zu studieren, nicht um Musik zu machen. Wir sind eher zufällig bei der Musik gelandet, d.h. wir gehörten zu keiner Szene. Wir hatten eher unsere eigene. Nicht mal das hatten wir geplant, aber wir haben ja überall in Glasgow auf House Parties gespielt, aber auch in Tunnels und so was, und zu diesen Shows sind immer dieselben Leute gekommen. Sie gehörten auch zu keiner Szene, wenn dann waren es vielleicht hauptsächlich Kunststudenten.

Erst später wurde es eine Art eigener Szene. Das kann man vielleicht mit Franz Ferdinand vergleichen. Wir kennen sie und sie sind echt nett, aber sie sind auch ein ganzes Stück älter als wir. Sie haben mit dem „Chateau“ etwas Ähnliches gemacht wie wir. Aber im Gegensatz zu uns war das echt gut geplant – wie alles was sie machen. Wir hingegen haben nie etwas geplant (lacht). Aber mit den anderen Bands, die du nanntest, haben wir wenig gemeinsam. Belle & Sebastian finde ich zwar gut, aber wir sind schon ganz schön anders...

Euer Album „Kingdom of Fear“ wurde von dem Ex-CLOR Sänger Luke Smith produziert. Als sich euer Drummer Darren den Arm gebrochen hatte, ist Kieron Pepper, der Drummer von THE PRODIGY, für ihn eingesprungen. Beide Bands haben euch sehr beeinflusst.

Ja, total.

Wie war es denn, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ihr bewundert?

Grandios! Es hätte nicht besser sein können. Wir kannten Luke schon von CLOR. Sie haben uns unsere ersten Gigs in London verschafft. Davor hatten wir zwar schon auf ein paar Parties dort gespielt, aber noch keine richtigen Gigs. Dann haben uns CLOR gefragt, ob wir mit ihnen auftreten möchten. Für uns war das super, denn so konnten wir ein richtiges Publikum in London kriegen und das hat uns echt geholfen.

Aber auch das mit Kieron. Darren hatte sich gerade den Arm gebrochen, als wir im Studio waren. Kieron hat nur ein paar Songs eingespielt, aber Darren hat alle Drumparts geschrieben. Aber das Tolle war, dass wir so die Möglichkeit hatten, uns mit ihm zu unterhalten. Das Beste waren echt die Gespräche über Liam und Keith von THE PRODIGY. Sie haben uns sogar Grüße ausrichten lassen. Da waren wir echt erstmal total platt. Wir dachten nur: „Scheiße, was sollen wir denn antworten – danke für die Grüße?“

Ja, damals fanden wir es wirklich aufregend, mit diesen Leuten zu arbeiten.

Gibt es jemanden, mit dem ihr in Zukunft gerne zusammen arbeiten würdet?

Ja, so einige... ich würde gerne noch mal mit Luke arbeiten, denn wir bewundern wirklich seinen Musikverstand und seine Kreativität. Er hat eine ähnlich schräge Vorstellung von Popmusik wie wir. Wir mögen Popmusik, aber wir wollen sie gleichzeitig auch ein bisschen schwierig oder schräg machen. Luke hat das echt drauf. Clor haben das super hingekriegt. Sie hatten zwar viele Popelemente, waren aber doch ein bisschen zu seltsam für den Mainstream.

Aber na ja... so einige... zu viele, um sie jetzt aufzuzählen. Ich würde wirklich gerne mal mit jemandem wie Giorgio Moroder oder Bobby Orlando, diesen großartigen Disco-Produzenten, arbeiten. Aber die Chancen sind wohl eher gering...

Live zu spielen und die Leute zum Tanzen zu bringen ist sehr wichtig für euch. Einige Kritiker haben euer Album als etwas „schlampig“ produziert beschrieben – wolltet ihr damit ausdrücklich einen unbearbeiteten Sound hinbekommen, der eure Liveauftritte spiegelt?

Ja schon. Als wir unsere erste EP aufnahmen, hatten wir nur einen Tag Zeit, um sie einzuspielen. Davor hatte ich noch nie einen Computer benutzt um Musik zu mischen. Ein paar Freunde und ich haben es einfach probiert, und danach hörte es sich richtig sauber an. Es hatte nicht die Energie, die wir uns gewünscht hätten.

Daher wollten wir bei der Zusammenarbeit mit Luke etwas mehr Chaos einbringen und wir sind sehr zufrieden mit dem Resultat. Mir gefällt, dass es tatsächlich etwas schlampig klingt, denn unsere Live Shows sind immer so. Wir werden nie wie die CHEMICALBROTHERS klingen, nicht so wie diese Art von streng uniformierter Dance Musik. Es wird immer auch ein bisschen Punk sein. Ein bisschen „rough“.

Wie groß ist der Anteil von Kunst – oder Kunsthochschule – in eurer Musik? Seht ihr die Band als Kunstprojekt, etwa im Sinne einer subtilen Gesellschaftskritik mit den Mitteln der Popkultur? Oder war das zumindest am Anfang so, vielleicht so ähnlich wie bei Art Brut?

Ja, gute Frage. Definitiv, aber das kann man jetzt leicht vergessen, weil es schon so lange her ist, was die Band angeht. Aber ja, es war ein Projekt, das ich für die Kunsthochschule gemacht habe. Wir spielten damals in Schiffscontainern – Portakabins heißen die bei uns. Sie werden auch auf Baustellen aufgestellt, darin essen die Bauarbeiter dann ihr Mittagessen, oder so. Sie sind nicht sehr groß, aber sie sind aus Metall und leer, d.h. wenn man darin irgendwelche Geräusche macht, werden sie von den Wänden zurückgeworfen und das ganze ist wirklich laut.

Am Anfang war das Konzept von Shitdisco einfach, dass jeder dort reinkommen und Musik machen konnte, es musste nur Dance Musik sein und sollte Passanten als Publikum anziehen. Aber da es in Glasgow war, kamen nur Betrunkene vorbei. Die kamen also an und fragten nach Songs von Oasis und so was, aber wir sagten: „Nee, sorry, so was spielen wir nicht!“ Darren spielte so eine Art Dance Off-Beat und wir liefen einfach rein, spielten ein bisschen, gingen dann wieder raus, und so weiter.

Ich kann mir vorstellen, dass das für den Zuschauer auf gewisse Weise echt langweilig sein konnte, denn es ging halt einfach immer weiter, aber musikalisch führte es zu nichts. Gleichzeitig war es aber sehr wichtig für uns, das ganze aus künstlerischer, nicht aus musikalischer Perspektive zu sehen. Danach haben wir echt lange gebraucht, um richtige Songs zu schreiben. Das wichtigste war aber immer, dass es Spaß macht und man dazu tanzen kann.

Manche Kritiker sind sich nicht sicher, was das Gewicht eurer Texte angeht. Manche sagen, sie sind Nonsense, andere halten sie für sehr tiefgründig. Was stimmt denn nun? Wollt ihr eine gewisse Message rüberbringen oder spielt ihr mit dem Rhythmus der Wörter, z.B. anhand von Wiederholungen?

Beides. Es gibt definitiv Dinge, über die wir singen möchten, aber ich mag keine Musik oder Bands die anhand ihrer Texte richtiggehend versuchen, einem ihren Standpunkt einzutrichtern, die wollen, dass man ihnen alles glaubt und sofort mit ihnen übereinstimmt. Solche Musik stößt mich ab.

Ich finde es besser, wenn man sich seine eigenen Gedanken machen kann. Wenn Joel und ich die Texte schreiben, schreiben wir aus der Sicht verschiedener Charaktere – es ist nicht unbedingt unsere eigene Meinung, über die wir singen. Das ist schon wichtig für uns. Wenn jemand zu den Songs tanzt, ist es für mich zwar auch ein Erfolg, denn das heißt, dass der Song funktioniert. Aber wenn jemand auch den Text mitsingt, ist das noch besser!

Ich möchte aber niemandem vorschreiben, wie er unsere Texte verstehen soll, didaktisch sein und sagen: „Du musst mir zuhören, du musst mitsingen und du musst meiner Armee beitreten“ oder so was... Ich weiß auch nicht, ob ich überhaupt jemandem vertrauen würde, der unserer Armee beitreten würde, wenn wir eine hätten... (lacht)

Lyrisch nutzt ihr also Wiederholungen als Stilmittel. Das erinnert mich ein bisschen an den Dadaismus. Der wiederum bringt mich zur Collage-Technik im Video zu eurer neuen Single „OK“, das ich übrigens großartig finde.

Danke.

Könntest du uns ein bisschen was über die Idee erzählen?

Na ja, um ehrlich zu sein kam die Idee im Wesentlichen vom Regisseur (Price James). Wir hatten einen anderen Plan für das Video. Wir wollten literarische Referenzen einbringen. In dem Song geht es um dieses „who do you feel like“ – Persönlichkeitsdilemma bzw. eine Persönlichkeitskrise. Wir wollten Elemente von American Psycho mit reinbringen. Das war einer der Haupteinflüsse für diesen Song, besonders weil es um diesen Typ geht, der jeden Tag ein anderes Gesicht auswählt. Er hat verschiedene Feuchtigkeitscremes und legt sie in separaten Schichten auf. Damit erschafft er eine Rolle von sich, von Patrick Bateman, und wir wollten das ins Video einbringen.

Es sollte skurril sein –  düster und dabei lustig. Aber wir hätten schon allein 40,000 Pfund an Versicherung bezahlen müssen, weil wir eine Kettensäge benutzen wollten, und alles Mögliche damit klein schneiden. Also konnten wir das nicht machen. Dann unterhielten wir uns mit James und er erzählte uns von seiner Idee.

Erst hörte sie sich ein bisschen komisch an, aber dann hat er ein super Treatment gemacht. Normalerweise ist das ein Word Dokument, in dem genau steht, was bei jeder Sekunde passiert, es ist einfach nur aufgeschrieben. Aber James schickte mir ein Video per Email mit ihm und einem Aufklappbuch mit Monstern und eine Vogelstimme, die dazu zwitschert, und dann blättert er um, und es kommt eine andere Tierstimme und so weiter – das hat uns gefallen.

Wir wollten ja auch, dass es lustig wird, und unsere ursprüngliche Idee für das Video war wohl etwas zu ernst gewesen. Was James dann am Ende gemacht hat, war super, und das Lob sollte an ihn gehen, denn es war hauptsächlich seine Idee.

Kanntet ihr ihn schon vorher? Oder seine Arbeit?

Irgendwie schon. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ich hatte ihn schon öfters in London gesehen. Aber ich kannte Freunde von ihm. Es gibt da so einige Verbindungen in der Kunst- und Musikszene in London. Sein Mitbewohner ist der Typ, der alle Klaxons-Videos macht, also kannten wir den, und so weiter. Aber James kannten wir nur vom Sehen.

Eure Einflüsse scheinen hauptsächlich aus der Dance Musik zu kommen. Trotzdem habt ihr euch dafür entschieden, sozusagen „konventionelle Rockmusik“ zu machen, als Band mit richtigen Instrumenten – hattet ihr ursprünglich mal darüber nachgedacht, elektronische Musik zu machen?

Eigentlich wurde unser Sound dadurch definiert, welche Instrumente wir schon besaßen. Wir haben uns einfach nach dem gerichtet, was vorhanden war. Wir haben zwei Bassisten, weil wir zwei Bassgitarren und nur eine Gitarre hatten, statt andersrum. Erst später haben wir gemerkt, dass es uns so eigentlich sogar lieber ist, denn die Leute tanzen ja normalerweise zu Bass und Drums. Dann beschlossen wir, noch etwas Gitarre dazuzutun und die Keyboards kamen als letztes. Als wir das Album aufgenommen haben, wurden die Keyboards auf einmal der markanteste Teil der Musik.

Natürlich würden wir uns ganz anders anhören, wenn wir Sampler und Trigger an den Drums benutzen würden. Es käme ein noch tanzbarerer Sound dabei heraus. Das werden wir wohl mit der nächsten Platte erforschen, denn das machen wir auch jetzt schon, wenn wir neue Songs schreiben. Aber obwohl wir nicht wie Daft Punk klingen, beeinflusst uns die Art, wie sie ihre Songs schreiben, sehr. Ganz schön aufwändig, wie die so rumfrickeln...

Ihr habt drei Bassisten. Wie viele davon „benutzt“ ihr in einem Song? Wechselt ihr euch ab oder spielen mehrere zugleich?

Normalerweise haben wir zwei Bässe pro Song, nie drei, obwohl wir drei Bassgitarren haben. Jan spielt eine Bassline durch einen Filter oder etwas abgewandelt, so dass es sich nicht wirklich wie ein Bass anhört. Joel spielt normalerweise die Bassgitarre als Lead-Instrument. Ich überlege gerade, wer das noch macht. Da gibt es noch ein paar andere Bands.

Wie seid ihr darauf gekommen? Oder hattet ihr einfach drei Bassgitarren?

Ja, so wie alles was mit der Band zu tun hat. Es war nie geplant, es ist einfach passiert. Wir haben uns einfach mit den Gegebenheiten arrangiert. Im Grunde haben wir uns nur dem Zufall angepasst.

Ich habe mir mal die Myspace-Profile der einzelnen Bandmitglieder angeschaut. Ihr seid ja alle sehr belesen. Ihr mögt französische und russische Literatur, Beat Literatur aber auch philosophisches Zeug. Auch euer Albumtitel stammt von Hunter S. Thompsons letztem Buch. Wie wichtig sind euch Bücher? Gibt es vielleicht sogar irgendwelche Bücher, die eure Musik beeinflusst haben?

Ja, ziemlich viel von Hunter S. Thompson. Unbestreitbar haben uns manche Bücher mehr beeinflusst als Musik. Natürlich gibt es musikalische Einflüsse, was den instrumentalen Teil angeht. Aber bei der Art wie wir spielen, singen, Texte schreiben und auf House Parties spielen, bei dem was uns interessiert, da treibt uns in gewissem Maß ein gegenkulturelles Interesse. Das kommt aus der Literatur, von Leuten wie Hunter S. Thompson und situationistischen französischen Schriftstellern wie Guy Debord und seinem Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“.

All das haben wir auf der Kunsthochschule gelernt – oder ich vor allem, denn mein ganzer Studiengang drehte sich um Gegenkultur. Zum Beispiel Kunst zu machen, die im öffentlichen Raum stattfindet statt in einer Kunstgalerie. Mir ist sehr wichtig, dass meine Musik davon beeinflusst ist, obwohl mir genauso wichtig ist, das nicht zu – wie ich vorhin schon sagte – didaktisch zu tun, zu sehr auf Kunsttheorien bezogen. Es muss in erster Linie Spaß machen und sich nach Spaß anhören. Ich denke, die Tatsache, dass es Dance Musik ist, bringt in gewisser Hinsicht das Spaßelement mit sich.

Also würdest du sagen dass eure Musik mehr von Literatur als von Kunst beeinflusst ist?

Schwer zu sagen. Sie ist definitiv von Literatur beeinflusst. Das lasse ich aber lieber so subtil wie möglich in die Musik einfließen, statt ein konkretes Ziel damit zu verfolgen.

Die nächste Frage richtet sich eigentlich an Darren, aber vielleicht kannst du sie ja auch beantworten. In seinem Myspace-Profil nennt er Prokrastination sein Hauptinteresse – oder das, was ihn davon abhält, seinen wirklichen Interessen nachzugehen. Mit meinen Freunden unterhalte ich mich total oft darüber, wie wir ewig rumtrödeln und alles Wichtige erst auf den letzten Drücker erledigen. Irgendwie scheinen wir alle dieses Problem zu haben.

(lacht) Ich auch!

Denkst du das ist so eine Art Generationenproblem von Leuten, die gerade ihr Studium beendet haben?

Keine Ahnung. Vielleicht. Also nach der Kunsthochschule definitiv. Dort ist man in einer total bequemen Umgebung, in der man Kunst machen kann ohne sich ein Atelier mieten zu müssen oder ähnliches. Und dann ist man mit der Kunsthochschule fertig und denkt erstmal: „Hm, was mache ich jetzt? Ich muss mir einen Job suchen, damit ich mir was zu Essen kaufen und meine Miete bezahlen kann. Ich muss mir ein Atelier suchen, damit ich dort Kunst machen kann und ich muss meinen Spaß haben. Wie kriege ich das alles auf einmal hin? Das ist unmöglich!“ Also haben wir die drei Dinge kombiniert, indem wir eine Band gegründet haben. Die Band ist unser Job geworden.

Aber der Song „Another“ auf unserem Album, den ich geschrieben habe, handelt davon, dass man einfach nicht im Stande ist, irgendwas zu machen. Es geht darum, wie man versucht, das Haus zu verlassen, aber dann sind da immer hundert andere Dinge, die man erst noch erledigen muss. Ich habe den Song zwar aus der Sicht eines Anderen geschrieben, aber gleichzeitig geht es dabei so ziemlich um mich selbst.

Also nicht darum, komplett gehandicapt zu sein und sich zu gar nichts aufraffen zu können, aber eben immer erst in letzter Minute. Wir sind aber alle so in der Band. Der einzige Unterschied zwischen uns ist wohl, dass Darren es als sein Hauptinteresse bei Myspace angegeben hat. (lacht)

Ihr spielt ziemlich viele Festivals diesen Sommer – freut ihr euch auf eines im speziellen? Ihr spielt aber nicht auf allen großen Festivals – nach welchen Kriterien habt ihr ausgewählt, wo ihr spielt?

Bei einigen Festivals wird man einfach gefragt. Zum Glastonbury zum Beispiel muss man eingeladen werden. Und innerhalb Großbritanniens gibt es komischerweise so was wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass wenn man in Glastonbury auftritt, man nicht in Leeds und Reading spielen kann.

Abgesehen von den ganz großen Bands, denn die können im Prinzip machen was sie wollen. Aber sowohl V als auch Leeds und Reading kann man eigentlich vergessen, wenn man in Glastonbury auftritt. Echt blöd. Dabei geht es um verschiedene Veranstalter und so was… Trotzdem freuen wir uns auf Glastonbury, weil wir dort noch nie vorher waren. Wir freuen uns auf die, über die wir nicht so viel wissen, zum Beispiel das Melt in Deutschland oder auch Pukkelpop in Belgien.

Neulich haben wir beim Spring Festival in Graz gespielt und das war grandios! Meistens machen die Festivals am meisten Spaß, über die man vorher am wenigsten weiß. Denn am besten ist echt dieses Element des Unberechenbaren... in Graz zum Beispiel haben wir auf einem Berg gespielt.

Danach sind wir zur After Show Party gegangen, die in einem Bunker im Inneren dieses Bergs stattfand, einem alten Nazi-Hauptquartier aus dem 2. Weltkrieg. Das war total schräg,  denn die Band Whomadewho aus Kopenhagen sind dort aufgetreten  – und zwar in Boxershorts und mit Engelsflügeln an! In einem Ex-Nazi-Bunker! Surrealer gehts wohl nicht. Um dorthin zu kommen, musste man einen Gang mit Metallverkleidung entlanggehen, der nur von ein paar Laternen beleuchtet war. Es war wie in einem James-Bond-Film.

Das war in dem Berg?

Ja, am Eingang hängt erstmal eine Art Landkarte der verschiedenen Pfade, die durch den Berg gehen. Dann ist da ein Lift und kleine Schienen mit einem Waggon, der aussieht als würde man Kohle damit befördern. Man geht einfach die Schienen hinunter. Es gibt keine Stufen, nur eine lange Rampe, die in den Felsen gegraben wurde.

Man läuft jedenfalls ewig und hört die ganze Zeit die Musik, weiß aber nicht wo sie herkommt, und dann gelangt man auf einmal in einen riesigen kastenartigen Raum, wo diese Typen in Boxershorts mit Engelsflügeln spielen - echt bizarr. Danach haben Digitalism gespielt. Es war echt ein toller Abend... aber eine der schrägsten Erfahrungen meines Lebens. Die besten Festivals sind wirklich die, wo man in der Annahme hinfährt, man spielt vor vielen Leuten auf einem Feld – aber dann stellt sich raus, das stimmt gar nicht: Man spielt in einer leeren Höhle oder so…

Im Bezug auf eure Guerilla Gigs und House Parties hat ein Journalist in einem Artikel über euch gemutmaßt: „Give them a chance and they’d probably do a favela tour.“

Stimmt.

Ihr habt selbst auch schon erwähnt, dass ihr findet, dass eurer Sound weltweit ankommen würde. Würdet ihr als tatsächlich gerne mal z.B. in Brasilien spielen, vielleicht auch in den ärmeren Gebieten da?

Ja, ja, die Sache ist die, wenn wir uns einmal entschieden haben, auf einer House Party zu spielen, machen wir uns keine Gedanken mehr, wie schön oder wie wohlhabend die Gegend ist. Wir spielen eigentlich überall.

Es ist nur so, dass es ziemlich schwierig ist, wenn wir auf Tour sind, besonders in Europa außerhalb Großbritanniens, weil wir meistens noch am selben Abend oder am frühen Morgen weiter müssen, um zum nächsten Ort zu kommen, der vielleicht in einem anderen Land ist oder am anderen Ende desselben Landes. Wohingegen wir in Großbritannien viel flexibler sind, weil die Entfernungen viel geringer sind.

Aber wir fahren bald nach Moskau und St. Petersburg und das sind wahrscheinlich die einzigen Orte auf der Welt wo wir definitiv nicht auf einer Party spielen würden. Denn ich weiß hundertprozentig, dass wir da Schwierigkeiten kriegen würden, wenn wir spät bei einer House Party auftauchen würden.

Aber ja, wir würden das gerne machen. Idealerweise werden wir das immer machen, genau wie Gigs spielen, denn wir gehen sowieso nach Konzerten immer auf Parties oder legen irgendwo auf. Es macht großen Spaß, dort auch zu spielen denn, wie gesagt, es ist immer total unberechenbar. Es passiert immer irgendwas Schräges.

Wir haben auf dieser Party in Brighton gespielt – das war sogar letztes Jahr nach dem Great Escape, wo Mit heute spielen – mit den Klaxons zusammen, und sind danach zu dieser House Party gegangen. Das war so komisch, denn wir waren in diesem riesigen Raum, der so ähnlich war wie Darrens Wohnung, in einer alten viktorianischen Wohnung mit Blick aufs Meer in Brighton, von wo man hören und sehen konnte, wie die Wellen sich brechen. Es war im obersten Stockwerk, und die Decke fing an abzubröckeln. Teile der Decke stürzten ein, und die Leute fingen die herabfallenden Stücke auf und tanzten damit über ihren Köpfen. Einserseits war das in vieler Hinsicht total daneben, aber andererseits war es großartig. So was erlebt man kein zweites Mal. Und ich schätze, deswegen machen wir so was.

Eine letzte Frage. Ihr habt auch mal gesagt, dass ihr plant, eine Girl Group zusammenzustellen – wie läuft es mit dem Plan?

Das läuft eher schleppend. Wir schieben es vor uns her – Prokrastination, du weißt schon… (lacht) Wir müssen mal ein Casting veranstalten, aber dafür waren wir jetzt schon zu lange auf Tour. Aber na ja, mir gefällt das Gesamtkonzept von so etwas. Es ist eine andere Art Projekt, das zwar noch nicht wirklich begonnen hat, aber das ich auf jeden Fall durchziehen will.

Das Konzept, eine Popgruppe zu erschaffen, ist ähnlich wie Songs zu schreiben und aus der Sicht verschiedener Charaktere zu singen. Es wäre dann nur so, dass man Songs schreibt und sogar jemanden hat, die dann die Rolle dieser Charaktere spielt. Das finden wir aus dem Grund echt interessant, weil es wohl die einzige Möglichkeit für uns wäre, richtige Popmusik zu schreiben. Denn wenn wir das mit unserer Band versuchen würden, würde es wahrscheinlich immer etwas seltsam klingen.

Und überhaupt  kann es sowieso keinen Popsong von einer Band namens Shitdisco geben. Obwohl uns Popmusik ja schon interessiert... also: Ja, aber es läuft sozusagen schleppend momentan. Das hat zum einen damit zu tun, dass wir mit dieser Band wirklich beschäftigt sind und auch damit, dass wir dazu neigen, Dinge aufzuschieben (lacht).

 

http://www.shitdisco.co.uk

http://www.myspace.com/shitdisco

 

(Christiane Eck, Lisa Kreimeyer)


 


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