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In ihrer Heimat, den USA, ist Stephanie Dosen bereits
relativ bekannt. Schon mit ihrem ersten, selbst produzierten Album „Ghosts,
Mice and Vagabonds“ gewann sie diverse Nachwuchsförderpreise, bis schließlich
Simon Raymonde, ehemaliges Mitglied der legendären Cocteau Twins im Internet
auf ihre Musik aufmerksam wurde und ihr einen Plattenvertrag anbot. Nun
veröffentlicht sie ihr zweites Album „A Lily For The Spectre“, mit dem sie auch
Europa erobern will.
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Ein Singer-/Songwriter-Album auf dem sie mit glasklarer,
träumerischer Stimme zur Begleitung von Gitarre und Klavier ihre Lieder über
Liebe und Verlust singt. Genauso zierlich und verträumt, wie ihre Stimme einen
vermuten lässt, erscheint sie dann auch zum Interviewtermin und erweist sich
als nachdenkliche und sympathische Gesprächspartnerin.
In der Biografie auf
deinem Myspace-Profil kann man lesen, dass du auf einer Pfauenfarm in Wisconsin
aufgewachsen bist, und dort eines Tages eine alte Gitarre gefunden hast, auf
der du dir heimlich selber das Spielen und Songwriting beigebracht hast. Ist
das wahr? Oder wie bist du zur Musik gekommen?
Stephanie: (lacht). Ja, das klingt komisch,
aber es ist wahr. Ich habe damals eine Gitarre gefunden, die so alt war, dass
ich sie mit einem Schraubenschlüssel stimmen musste. Ich bin mir nicht sicher,
ob sie am Anfang, als ich anfing zu schreiben, überhaupt richtig gestimmt war.
Warum hast du dir das
Spielen heimlich beigebracht?
Ich weiß auch nicht. Vielleicht, weil alles,
was ich mache irgendwie ein Geheimnis ist (lacht). Ich wollte einfach nicht,
dass jemand davon erfuhr, solange es noch nicht gut war. Ich wollte nicht sagen
„Ich lerne etwas“, sondern erst dann damit rausrücken, wenn es perfekt war.
Nach der Schule hast
du dann ein Studium der klassischen Musik begonnen und wurdest zur staatlich
geprüften Chorleiterin und Gesangslehrerin ausgebildet. Deine Liebe zur Musik
scheint also immer sehr groß gewesen zu sein. Was hat dich daran gehindert,
gleich mit deiner eigenen Musik dein Glück zu versuchen?
Weil ich nicht geglaubt habe, dass es möglich
war. Viele Leute wollen das ja wegen Ruhm oder Geld machen, aber das waren nie
meine Beweggründe, und ich denke, dass das auch ziemlich destruktiv ist. Ich
habe eben einige Zeit gebraucht, bis mir klar wurde, dass ich das wirklich
machen möchte.
Und dann hast du dein
Studium abgebrochen?
Ich habe meinen ersten Abschluss gemacht. Für
den zweiten habe ich dann ein Stipendium bekommen, alle Kurse und Abschlussprüfungen abgeschlossen, aber
nie die Abschlussarbeit geschrieben. Technisch habe ich also nicht meinen
Master, aber habe alles fertig, bis auf die 20-seitige Abschlussarbeit, die eben
ich nie geschrieben habe. Und das werde ich auch nie. Ich finde es eigentlich
ganz lustig. Ich meine, wofür brauche ich einen Master?
In vielen Artikeln
wirst du mit Sängerinnen wie Sinead O`Connor und Joni Mitchell verglichen. Ist dieser ständige
Vergleich etwas, was dich nervt, weil du vielleicht lieber als die individuelle
Künstlerin wahrgenommen werden möchtest, die du bist? Oder empfindest du es
eher als eine Ehre, mit solchen großen Künstlerinnen verglichen zu werden?
Nein, das nervt mich nicht. Denn die Leute vergleichen
jeden. Ich meine, wenn die Person, die dich mit etwas vergleicht, das Vergleichsobjekt
mag, dann ist das doch eine Ehre! Zu mir sind schon Leute gekommen und haben
gesagt „du erinnerst mich an den und den“, und das waren dann irgendwelche echt
seltsamen Künstler, denen meine Musik überhaupt nicht ähnelt. Wenn sie diesen
Künstler aber mögen, dann ist das ein Kompliment. Damit sagen sie dir ja „Du
hörst dich an, wie jemand, den ich sehr mag“. Zu mir könnte jemand kommen und
sagen „Du hörst dich an wie Mariah Carey.“ Dann frage ich nur „Magst du Mariah
Carey?“ und wenn sie sagen „Ja“, dann ist es ein Kompliment.
Mit welcher Musik
bist du aufgewachsen, welche Künstler würdest du als deine Vorbilder nennen,
welche haben dich dazu inspiriert, selber Musik zu machen?
Oh, das ist eine schwere Frage.
In deiner Biografie
ist öfter die Rede von Olivia Newton John.
Olivia? Ja, das stimmt, das war meine erste
Platte. Ich mochte sie sehr. Ihre Shorts
und ihre Outfits (lacht). Aber es gibt eine Menge Leute, die das tun,
was ich mache, also bin ich irgendwie inspiriert von ihnen allen. It`s all the
same people.
Dein erstes Album
wurde 2002 veröffentlicht und mit wohlwollenden und begeisterten Kritiken
überhäuft. In den USA hast du für dieses Album auch mehrere renommierte Preise
gewonnen. Nun, mittlerweile 5 Jahre später, gibt es erst das zweite Album, „A
Lily for the spectre“. Warum hast du dir ganze 5 Jahre Zeit gelassen? War
vielleicht der Druck zu groß, nachdem dein erstes Album so enthusiastisch
aufgenommen wurde?
Naja, mein erstes Album habe ich ja alleine
gemacht. Ein paar Freunde haben es mit mir aufgenommen und es hat mich nichts
gekostet. Ich musste also danach erst mal rausfinden, wie ich ein zweites Album
machen konnte, ohne dass es etwas kostet, denn ich hatte nicht so viel Geld.
Ich bin zu dem gleichen Studio wie beim ersten Mal zurückgekehrt, und habe
versucht, dort das zweite Album aufzunehmen. Aber da gab es zunächst einige
Probleme, bei einem Brand im Studio sind zum Beispiel alle Songs, die wir bis
dahin aufgenommen hatten, verbrannt. Ich habe insgesamt dreimal versucht,
dieses Album aufzunehmen. Und irgendwann hat mich dann Simon Raymonde angerufen
und wurde mein Produzent. Im Endeffekt habe ich es wieder geschafft, ein Album
mit Freunden für sehr wenig Geld aufzunehmen und Simon hat es dann fertig
gemischt und Bass und Klavier dazu eingespielt. Zum Schluss haben wir es also
doch ganz gut hingekriegt.
Im Moment bist du ja
bei der Plattenfirma Bella Union, die von Simon Raymonde gegründet wurde. Er
hat deine Musik bei Myspace entdeckt und sich bei dir gemeldet. Wie denkst du
über das Internet als Plattform für junge Künstler? Heuzutage kommen ja immer
mehr Bands und Künstler durch Internetauftritte zu Ruhm und Plattenverträgen. Denkst
du, dass das eine positive Entwicklung ist?
Oh ja, es muss eine positive Entwicklung
sein! Weißt du, ich habe früher in Wisconsin in Bars gespielt, vor ein paar
betrunkenen Männern, die eigentlich lieber Football gucken wollten. Das war
mein Publikum. Du musst aber dein eigenes
Publikum finden, das ist wichtig. Und das Publikum ist mittlerweile nun mal
online und sitzt zu Hause in seinem Schlafzimmer vor dem Computer. Ich weiß
nicht, ob sie auch diejenigen sind, die die Platten kaufen, aber auf jeden Fall
sind sie diejenigen, die zuhören. Also würde ich definitiv sagen, dass zu Myspace
zu gehen, das beste war, was mir passiert ist, denn es hat dafür gesorgt, dass
ich einen Plattenvertrag bekommen habe. Weißt du, nach allem was ich selber
gemacht und versucht habe, denkst du nicht, dass es diese eine Sache sein wird,
die dir hilft. Du versuchst halt alles und vielleicht hast du irgendwann mal Glück…
In Bezug auf deine
Musik fällt immer wieder das Wort „Folk“. Ist das eine Schublade, mit der du einverstanden
bist?
Mir ist es eigentlich wirklich egal. Wenn die
Leute sagen ich mache Folk-Musik und sie mögen Folk, dann ist es okay. Guck
mal, für mich ist das hier zum Beispiel ein kleines Glas (zeigt auf das
Wasserglas vor sich). Für manche andere ist es aber ein großes Glas, also sieht
jeder die Dinge eben anders.
Ich spiele darauf an,
weil seit einiger Zeit in vielen Musikzeitschriften das Aufkommen einer
„New-Folk“-Ära herbeigeschrieben wird, ausgehend von vielen neuen Künstlern wie
Joanna Newsom oder Jose Gonzalez, im Moment gibt es da eine große Bandbreite.
Also fragt man sich schon, warum im Moment so viele Künstler Folk-Musik machen.
Nun ja, ich weiß gar nicht, was Folk Music in
dem Sinne bedeuten soll. Bei mir war es einfach so, dass ich keinen Computer
und keine Möglichkeit für elektronische Musik hatte. Ich hatte eine Gitarre,
das war`s. Das kann bedeuten, dass ich entweder faul oder arm war (grinst),
aber das ist es wahrscheinlich, warum ich eine Folk-Künstlerin sein soll. Ich
selbst würde mich jetzt aber nicht als Folk-Musikerin bezeichnen.
Glaubst du also, dass
die „New Folk“-Szene nur ein Hype ist, den die Zeitungen hervorgerufen haben?
Na ja, die Kritiker suchen doch immer etwas,
mit dem sie Musik klassifizieren können, um den Leuten etwas zur Orientierung
zu geben. Irgendwie musst du es ja nennen (lacht). Egal, was dahinter ist, du
musst ihm ja einen Namen geben. Mir ist es egal, was der Name ist. Sie könnten
es Orangensaft nennen, oder New Vodka Music. (lacht) Whatever! Musik ist so
einzigartig, dass es nur darauf ankommt, was es in dir auslöst, oder was
dadurch vor deinem inneren Auge auftaucht.
Wenn du Songs
schreibst, wie funktioniert das bei dir? Musst du in einer bestimmten Stimmung
sein, um zu schreiben? Was inspiriert dich zu Songs?
Ja, ich stehe dafür meistens mitten ich der Nacht
auf. Ich stelle mir oft meinen Wecker auf drei Uhr morgens. Wenn ich dann noch
wirklich sehr, sehr müde bin, fange ich an, über die Dinge nachzudenken, die
Leuten im Leben so passieren. Und dann versuche einfach, mit der Energie zu
gehen, die daraus entsteht, und das öffnet meistens die Türen für Inspirationen.
Also schreibst du
immer nachts?
Nein, nein. Wenn ich an einem Song dran bin,
mache ich das den ganzen Tag lang, aber eine Menge der Inspirationen für meine
Songs kommen nachts.
Deine Songs sind ja
sehr atmosphärisch, emotional und eher melancholisch. Ist es für dich einfacher,
einen traurigen Song zu schreiben? Was verarbeitest du in deinen Texten, die ja
eher dazu tendieren, von tragischen Dingen zu handeln? Persönliches oder
Fiktives?
Das sind alles persönliche Sachen, nichts
davon ist Fiktion. Ich denke, ich schreibe auch eine Menge fröhliche Songs,
aber diese entwickeln einfach nicht diese spezielle Art von Gefühl. Und dieses
neue Album lebt eben von diesem Gefühl. Ich versuch jetzt nicht, besonders
melancholisch zu sein. Ich würde auch persönlich nicht sagen, dass die Songs
melancholisch sind. Ich weiß auch nicht, ich würde das nicht so ernst nehmen.
Ich nehme mich selber schließlich auch nicht so furchtbar ernst.
Was ist dir besonders
wichtig an dem neuen Album? Was möchtest du, dass die Leute mitnehmen?
Ich hoffe, dass es ein bisschen magisch und
zauberhaft ist. In jedem meiner Songs ist eine Art Wunsch enthalten. So, als
würdest du Kerzen auspusten, und dir etwas wünschen. So ist es nämlich in etwa,
wenn ich einen Song schreibe. Das kann zum Beispiel der Wunsch nach einer neuen
Erfahrung sein. Nach Verwandlung, Erkenntnis, Offenbarung, Veränderung oder Magie.
Ich hoffe, dass die Zuhörer so ein bisschen geheilt werden. (lächelt
schüchtern)
Dein erstes Album
hieß „Ghosts, Mice and Vagabonds“, das nun folgende trägt den Titel „A Lily for
the spectre“. „Spectre“ ist ebenfalls ein englisches Wort für „Geist“. Woher
kommt diese Affinität zu Geistern?
Nun ja, als ich das erste Album gemacht habe,
haben wir in einer alten Hundefutter-Fabrik aufgenommen. Eine sehr große, alte Fabrik mit grünen
riesigen Silos. Es war ziemlich spukig und verwunschen. Alle, die mit mir da
waren, haben nicht wirklich an Geister geglaubt. Aber zur gleichen Zeit sind
Dinge passiert, die nicht wirklich erklärbar waren. Türen sind auf und zu geklappt,
Lichter sind aus- und angegangen. Leute haben Stimmen gehört, unsere Kopfhörer
wurden ein- und ausgestöpselt.
Wir haben dann angefangen, Witze darüber zu
machen, nach dem Motto „Haha, das ist der Geist!“. Eigentlich glaubst du nicht
an Geister, aber wenn vor dir auf einmal
Gegenstände durch den Raum flitzen, wirst du doch etwas stutzig. Meine
Freunde sagten dann schließlich zu mir, ich solle doch zu den Geistern singen,
und versuchen, sie so zu beruhigen, und glücklicher zu machen, also wurde das ein
Teil der Idee dahinter. Irgendwann haben wir dann herausgefunden, dass in die
riesigen Silos einmal einige Arbeiter gefallen sind und bei lebendigem Leib von
Zement begraben wurden. Das war wirklich ziemlich gruselig.
Ich weiß auch nicht, es geht bei den Alben
vor allem darum, dass Musik wichtig für jeden ist, egal ob es Tiere sind oder
Geister. Jeder braucht sie. Jeder liebt Klänge und jeder produziert ja auch
selber Geräusche, Hunde bellen, wir sprechen…
Auf dem neuen Album ist zum Beispiel ein Song
über eine Frau, deren Freund gestorben ist. Und sie möchte unbedingt mit ihm
zusammen sein, deswegen bringt sie sich selbst so nah es geht an den Tod heran,
und hofft, das er ebenfalls so weit an seine Grenzen geht, dass sie sich
vielleicht zwischen den Welten treffen können. Oder zwei Menschen die
zusammensein möchten, aber es nicht können. Das ist ein Grundthema des Albums,
nicht speziell das der Geister.
In Amerika bist du ja
schon relativ bekannt. Was bedeutet dir Erfolg in Europa und im Rest der Welt?
Glaubst du, dass der Musikmarkt hier anders funktioniert?
Ich glaube, die Menschen hier sind vor allem
geduldiger. Sie sind viel mehr interessiert an Dingen, über die sie nachdenken
müssen. Ich will das nicht verallgemeinern, aber ich habe das Gefühl, dass für
die Leute Kunst hier wichtiger ist. In Amerika gibt es außerdem eine viel
jüngere Kultur mit der Mentalität eines 14-jährigen, nach dem Motto: „Meine
Freunde mögen es? Dann mag ich es auch“. Deshalb sind die Sachen oft etwas
poppiger.
Das Publikum scheint mir hier etwas reifer zu
sein. Das soll nicht heißen, dass alle in Europa reifer sind, aber sie sind eher
bereit, über etwas nachzudenken.
Welche Pläne hast du
für die Zukunft, was wünscht du dir für deine Karriere? Siehst du das überhaupt
als Karriere?
Nein, ich sehe das einfach nicht wirklich als
Karriere. Ich meine, ich habe mein erstes Album selber gemacht und dann eines Tages
habe ich einen Brief von Simon gekriegt, der sagt er möchte mein nächstes Album
rausbringen. Und ich dachte nur „Okay, alles klar. Träume werden wahr!“
(lacht). Mir geht es ja auch überhaupt nicht um Geld, ich habe nie mehr als
10.000 Dollar im Jahr gemacht (lacht). Geld macht dich schließlich auch nicht
unbedingt glücklich. Ich hoffe einfach nur, dass ich das weitermachen kann, was
ich jetzt mache und noch ein weiteres Album veröffentlichen kann.
http://www.stephaniedosen.com/
http://www.myspace.com/stephaniedosen
(Lisa Kreimeyer)
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