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“Write a review? Well, how objective can I be?”
Der Pott kocht, um genau zu sein die Zeche in Bochum. Fand
man sich vor- und nachmittags vielleicht noch in selig-nichtstuerischer
Feiertagsstimmung mit schlechtem Fernsehprogramm, viel zu viel Essen und
nervigen Verwandtschaftsbesuchen wieder, wird dem glücklichen Kartenbesitzer ab
22.30 Uhr ein Kontrastprogramm der ersten Güte geboten. Maxïmo Park aus
Newcastle haben es sich nämlich zum Auftrag gemacht, uns noch ein richtig
dickes Ei ins Osternest zu legen.
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Nach nicht ganz leicht überbrückbaren zweieinhalb Stunden,
die zwischen Einlass und Beginn des Hauptacts verstreichen, betreten die fünf
Geordies die mit drei Scheinwerfern spärlich dekorierte Bühne. Die bereits
vorher im Publikum heiß diskutierte Frage, welches Lied wohl als Opener dienen
würde, wird mit den Anfangsakkorden von ‚Graffiti’ beantwortet. Geschätzte drei
Sekunden braucht diese Band, um ihr Publikum zum Ausrasten zu bringen. Nach
genau dieser Zeitspanne bin ich froh, mich zu den fingerschnipsenden
Balkonlangweilern begeben zu haben. Bis auf die letzten fünf Reihen hat von nun
an schätzungsweise kaum jemand den Boden länger als einen Moment unter den
Füßen und nimmt mindestens einen blauen Fleck als Andenken des Abends mit nach
Hause.
In alter Maxïmo Park Manier sind die Herren nicht nur gut
anzuhören, sondern auch anzusehen. Sänger Paul besticht die modisch
Interessierten mit seinem aus schwarzer Hose, schwarzem Hemd, Lackschuhen und
braunem Jackett bestehendem Outfit, das durch eine gepunktete Krawatte aus
seiner umfassenden Sammlung und einen Bowler Hat, der sich zu seinem neuen
Markenzeichen zu entwickeln scheint, abgerundet wird. Abgesehen von Keyboarder
Lukas hält sich der Rest der Band dezent bedeckt und konzentriert sich mehr auf
ihre Instrumente als auf Outfits.
Nach dem grandios gelungenen Auftakt wird mit ‚Girls who
play Guitars’ direkt ein Song vom neuen Album hinterhergeschoben. Hatte der ein
oder andere Zweifel, dass die Songs des Neulings vielleicht nicht derart zünden
würden wie die des gefeierten Debüts, werden diese Zweifel direkt ausgeräumt.
In einem fast heterogenen Verhältnis von 10 (Our Earthly Pleasures) zu 9 (A
Certain Trigger) Stücken bietet die Band eine Mischung, die zu keinem Zeitpunkt
Langeweile aufkommen lässt. Natürlich wird hier und da ein wenig weniger
mitgegangen und –gesungen, was sich wohl auf den noch nicht etablierten
Bekanntheitsgrad nur wenige Wochen nach Releasedatum zurückführen lässt.
Nichtsdestotrotz wird die Security den ganzen Gig über mit dem Abfangen einiger
Crowdsurfer beschäftigt sein. Maxïmo Park verstehen es jedoch ihrem Publikum
wenigstens zwischenzeitlich ein bisschen Zeit zu einem leichten Verschnaufen zu
geben.
Dies kann man im Hinblick auf sie selbst jedoch keinesfalls
behaupten. Frontmann Paul Smith verfügt nicht letztendlich deshalb über eine
derartige Bühnenpräsenz, weil er von Bühnenseite zu Bühnenseite heizt, ab und
zu einen Sprung vom Schlagzeug-Podest oder einem Verstärker wagt oder
tänzerische Ambitionen durch ein hier und da eingestreutes Wackeln mit dem
Hintern deutlich macht, sondern weil er mit einer derartigen Inbrunst seine
Lyrics zum Besten gibt, die den aufmerksamen Zuschauer manchmal ein wenig um
ihn bangen lässt. Keyboarder Lukas Wooler widmet sich mit einer ähnlichen
Inbrunst seinem Instrument, schlägt fast schon auf die Tasten ein und lockert
sich zwischendurch mit ein paar Sprüngen auf, die einen schwer an vergangene
Aerobicstunden erinnern können. Dagegen wirken Duncan Lloyd (Gitarre), Archis
Tiku (Bass) und Tom English (Drums) wie Felsen in der Brandung, die dem
Bühnengeschehen einen ruhigen Hintergrund verleihen.
Nach ‚Now I’m all over the Shop’ folgt die aktuelle Single
‘Our Velocity’, definitiv ein erster Höhepunkt des Konzerts. Hier werden erste
Chöre im Publikum laut und man weiß: die neue Single wird geliebt. Den
Anschluss bilden das mit „This is a love and hate song“ angekündigte ‚A
Fortnight’s Time’, der ältere Kracher ‚Postcard of a Painting’ und das neue,
wunderschöne ‚Parisian Skies’. Zu diesem Zeitpunkt beschwert sich Sänger Paul
‚I’m getting all sweaty’ und anstatt im nächsten Song vielleicht ein wenig
herunterzufahren, wird im folgenden ‚Russian Literature’ wieder alles gegeben.
„I already knew her name” und „I can’t live my life feeling nervous about
tomorrow“ sind Zeilen mit denen das Lied zum Höhepunkt anschwillt und man kommt
nicht umhin, Paul jedes Wort zu abzunehmen, wie er es ausdrückt. Spätestens an
Stellen wie diesen wird dem Zuschauer deutlich, was diese Band von anderen der
2005 nach Deutschland geschwappten Indiebands/Tanzkapellen unterscheidet: eine
Aufrichtigkeit in den Texten und der Musik, die nicht nur in die Beine sondern
auch ins Herz geht; eine Mischung, die man so sicherlich eher selten vorfindet.
Weitere Songs vom neuen Album, die an diesem Abend im
Wechsel mit alten Knallern wie ‚I Want you to Stay’, ‚The Coast is always
Changing’ und allem voran ‚Apply some Pressure’ noch zum Besten gegeben werden,
sind ‚By the Monument’, ‚Nosebleed’, ‚Your Urge’ und ‚Books from Boxes’, zu dem
das Publikum euphorisch mitklatscht. Den Höhepunkt vor dem Zugabenblock bildet
‚Going Missing’, dessen letzte Zeilen Paul vor lauter Erschöpfung über Lukas
Synthesizer gelehnt singen muss.
Nach einer kurzen Verschnaufspause kommt das Publikum noch in
den Genuss von drei Songs: die etwas ruhigere Nummer ‚Kiss you better’, das zu
Recht am Nachmittag im Interview von Lukas als momentanes Lieblingslied
geoutete ‚The Unshockable’ und zum Abschluss ‚Limassol’. Dass Paul
treffenderweise dieses Lied mit den Worten „All good things come to an end“
ankündigt, macht die traurige Tatsache auch nicht besser, dass ein grandioses
Konzert seinen Abschluss gefunden hat. Aber nach 19 durchschwitzten Stücken
gönnt man der Band den wohlverdienten Feierabend.
(Jessica Schnittger)
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