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PopZine.de - MAXIMO PARK - 09.04.2007 Bochum, Zeche
MAXIMO PARK - 09.04.2007 Bochum, Zeche PDF Drucken E-Mail


“Write a review? Well, how objective can I be?”

Der Pott kocht, um genau zu sein die Zeche in Bochum. Fand man sich vor- und nachmittags vielleicht noch in selig-nichtstuerischer Feiertagsstimmung mit schlechtem Fernsehprogramm, viel zu viel Essen und nervigen Verwandtschaftsbesuchen wieder, wird dem glücklichen Kartenbesitzer ab 22.30 Uhr ein Kontrastprogramm der ersten Güte geboten. Maxïmo Park aus Newcastle haben es sich nämlich zum Auftrag gemacht, uns noch ein richtig dickes Ei ins Osternest zu legen.

Nach nicht ganz leicht überbrückbaren zweieinhalb Stunden, die zwischen Einlass und Beginn des Hauptacts verstreichen, betreten die fünf Geordies die mit drei Scheinwerfern spärlich dekorierte Bühne. Die bereits vorher im Publikum heiß diskutierte Frage, welches Lied wohl als Opener dienen würde, wird mit den Anfangsakkorden von ‚Graffiti’ beantwortet. Geschätzte drei Sekunden braucht diese Band, um ihr Publikum zum Ausrasten zu bringen. Nach genau dieser Zeitspanne bin ich froh, mich zu den fingerschnipsenden Balkonlangweilern begeben zu haben. Bis auf die letzten fünf Reihen hat von nun an schätzungsweise kaum jemand den Boden länger als einen Moment unter den Füßen und nimmt mindestens einen blauen Fleck als Andenken des Abends mit nach Hause.

In alter Maxïmo Park Manier sind die Herren nicht nur gut anzuhören, sondern auch anzusehen. Sänger Paul besticht die modisch Interessierten mit seinem aus schwarzer Hose, schwarzem Hemd, Lackschuhen und braunem Jackett bestehendem Outfit, das durch eine gepunktete Krawatte aus seiner umfassenden Sammlung und einen Bowler Hat, der sich zu seinem neuen Markenzeichen zu entwickeln scheint, abgerundet wird. Abgesehen von Keyboarder Lukas hält sich der Rest der Band dezent bedeckt und konzentriert sich mehr auf ihre Instrumente als auf Outfits.

Nach dem grandios gelungenen Auftakt wird mit ‚Girls who play Guitars’ direkt ein Song vom neuen Album hinterhergeschoben. Hatte der ein oder andere Zweifel, dass die Songs des Neulings vielleicht nicht derart zünden würden wie die des gefeierten Debüts, werden diese Zweifel direkt ausgeräumt. In einem fast heterogenen Verhältnis von 10 (Our Earthly Pleasures) zu 9 (A Certain Trigger) Stücken bietet die Band eine Mischung, die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Natürlich wird hier und da ein wenig weniger mitgegangen und –gesungen, was sich wohl auf den noch nicht etablierten Bekanntheitsgrad nur wenige Wochen nach Releasedatum zurückführen lässt. Nichtsdestotrotz wird die Security den ganzen Gig über mit dem Abfangen einiger Crowdsurfer beschäftigt sein. Maxïmo Park verstehen es jedoch ihrem Publikum wenigstens zwischenzeitlich ein bisschen Zeit zu einem leichten Verschnaufen zu geben.

Dies kann man im Hinblick auf sie selbst jedoch keinesfalls behaupten. Frontmann Paul Smith verfügt nicht letztendlich deshalb über eine derartige Bühnenpräsenz, weil er von Bühnenseite zu Bühnenseite heizt, ab und zu einen Sprung vom Schlagzeug-Podest oder einem Verstärker wagt oder tänzerische Ambitionen durch ein hier und da eingestreutes Wackeln mit dem Hintern deutlich macht, sondern weil er mit einer derartigen Inbrunst seine Lyrics zum Besten gibt, die den aufmerksamen Zuschauer manchmal ein wenig um ihn bangen lässt. Keyboarder Lukas Wooler widmet sich mit einer ähnlichen Inbrunst seinem Instrument, schlägt fast schon auf die Tasten ein und lockert sich zwischendurch mit ein paar Sprüngen auf, die einen schwer an vergangene Aerobicstunden erinnern können. Dagegen wirken Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass) und Tom English (Drums) wie Felsen in der Brandung, die dem Bühnengeschehen einen ruhigen Hintergrund verleihen.

Nach ‚Now I’m all over the Shop’ folgt die aktuelle Single ‘Our Velocity’, definitiv ein erster Höhepunkt des Konzerts. Hier werden erste Chöre im Publikum laut und man weiß: die neue Single wird geliebt. Den Anschluss bilden das mit „This is a love and hate song“ angekündigte ‚A Fortnight’s Time’, der ältere Kracher ‚Postcard of a Painting’ und das neue, wunderschöne ‚Parisian Skies’. Zu diesem Zeitpunkt beschwert sich Sänger Paul ‚I’m getting all sweaty’ und anstatt im nächsten Song vielleicht ein wenig herunterzufahren, wird im folgenden ‚Russian Literature’ wieder alles gegeben. „I already knew her name” und „I can’t live my life feeling nervous about tomorrow“ sind Zeilen mit denen das Lied zum Höhepunkt anschwillt und man kommt nicht umhin, Paul jedes Wort zu abzunehmen, wie er es ausdrückt. Spätestens an Stellen wie diesen wird dem Zuschauer deutlich, was diese Band von anderen der 2005 nach Deutschland geschwappten Indiebands/Tanzkapellen unterscheidet: eine Aufrichtigkeit in den Texten und der Musik, die nicht nur in die Beine sondern auch ins Herz geht; eine Mischung, die man so sicherlich eher selten vorfindet.

Weitere Songs vom neuen Album, die an diesem Abend im Wechsel mit alten Knallern wie ‚I Want you to Stay’, ‚The Coast is always Changing’ und allem voran ‚Apply some Pressure’ noch zum Besten gegeben werden, sind ‚By the Monument’, ‚Nosebleed’, ‚Your Urge’ und ‚Books from Boxes’, zu dem das Publikum euphorisch mitklatscht. Den Höhepunkt vor dem Zugabenblock bildet ‚Going Missing’, dessen letzte Zeilen Paul vor lauter Erschöpfung über Lukas Synthesizer gelehnt singen muss.

Nach einer kurzen Verschnaufspause kommt das Publikum noch in den Genuss von drei Songs: die etwas ruhigere Nummer ‚Kiss you better’, das zu Recht am Nachmittag im Interview von Lukas als momentanes Lieblingslied geoutete ‚The Unshockable’ und zum Abschluss ‚Limassol’. Dass Paul treffenderweise dieses Lied mit den Worten „All good things come to an end“ ankündigt, macht die traurige Tatsache auch nicht besser, dass ein grandioses Konzert seinen Abschluss gefunden hat. Aber nach 19 durchschwitzten Stücken gönnt man der Band den wohlverdienten Feierabend.

 

(Jessica Schnittger)

 


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