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PopZine.de - KLAXONS - 24.03.2007 Köln, Prime Club
KLAXONS - 24.03.2007 Köln, Prime Club PDF Drucken E-Mail

Massive!“
Die Klaxons wissen im Kölner „Prime-Club“ zu brillieren

Das Wort „massive“, in der englischen Musikpresse als neues glorifizierendes Umschreibungswort geläufig, kann, wie kaum ein deutsches Wort es vermag, etwas Großartiges umschreiben.

Obwohl es sprachhistorisch eng mit dem deutschen Wort „massiv“ verwandt ist, liegen zwischen diesen beiden Wörtern phonetische Welten. Während „massiv“ kurz und bieder erscheint, kann man „massive“ wie ein elastisches Band dehnen, ohne dass man peinlich wird, weil man es überspannt. Genau dieser Umschreibung wurden die Klaxons am Samstag gerecht.

Mit einem furiosen „The Bouncer“ (“Your name’s not down, you’re not coming in“) startend, wirbelte die Truppe aus Süd-London das Publikum im kleinen Kölner Veranstaltungsraum “Prime Club” wild durcheinander. Schon der Opener mag aufzeigen mit welcher Intensität die vier Engländer unterwegs sind.

Dieser erste Eindruck wurde spätestens beim nächsten Song „Atlantis To Interzone“ noch verstärkt. Hier zeigen sich die Stärken, der als „New Rave“ gehandelten Band am deutlichsten, denn sie demonstrieren eindrucksvoll, dass sie keineswegs dem „Rave“ verfallen sind, sondern etwas auf die Bühne stellen, das einzigartig in der Musiklandschaft ist.

Die Klaxons haben als großen Witz zu Beginn ihrer Karriere ihren Musikstil als „New Rave“ bezeichnet, einem Genre, welchem sie jedoch, vernünftigerweise wie sich zeigt, schon nach kurzer Zeit entflohen sind; dass, was das Publikum an diesem Abend zu sehen und hören bekommt, sind eben nicht in fluoreszierenden Farben verpackte aufgewärmte Rave-Songs, nein, die Klaxons zeigen, dass sie als eine der wenigen – und derzeit einzige Band – Prog auf den Punkt bringen können.

Keine überlangen Gitarrensoli, keine Spielereien, hier wird jeder Ton bewusst gewählt, jede Melodie schwebt über das völlig entfesselte Publikum hinweg, das die Emotionen nicht anders zu zähmen weiß als geradewegs die Bühne zu stürmen. Diese Briten wissen die Zuhörer zu locken, sie brauchen keine Pfeife oder Flöte wie der Rattenfänger von Hameln, sie wollen das Publikum auch nicht ins Verderben führen, das, was sie wollen, ist ganz freundlicher Natur: sie führen die Indieszene zueinander. Hier kopuliert, bildlich gesprochen, im Rausch der Gitarren, des Schlagzeugs und Keyboards, der Indie- mit dem Elektrophilen, hier werden die Grenzen, die auf der Tanzfläche gezogen werden, verwischt, hier findet das statt, was seit einem halben Dutzend Jahren keine andere Band mehr vermocht hat. „The Rapture“ und „The Strokes“ machten Klubmusik tanzfähig auf dem Indieparkett, die „Klaxons“ machen das Keyboard so salonfähig, dass es als ein gleichberechtigtes Mitglied der Indie(rock)familie angesehen werden kann.

Dem, der etwas Großes erlebt, wird oftmals erst hinterher bewusst, was er erlebt hat. Genau dieses Gefühl werden die Zuschauer, die den „Prime Club“ bis zum Bersten füllten, mit nach Hause genommen haben.

Mit Glowsticks bewaffnet und in Kapuzenpullovern gehüllt, neonfarben strahlend und den alten "Acid-House"-Smiley wieder aufleben lassend, standen die Erwartungsfrohen schon Stunden vor dem Einlass am Prime Club. Erste Versammlungen konnten um halb sechs festgestellt werden, aber die Schlange, die sich kurz vor dem Konzert bildete, glich dann im Ansatz doch den guten alten „Trash“-Zeiten im Londoner Klub „The End“. Dort wo der Mastermind der „elektronischen Tanzmusik“, Erol Alkan, auf seiner Party die Klaxons spielen und ihre Platten, immer wieder, jeden Montag, rotieren ließ. Erol Alkan ist so etwas wie der Seismograph im Indie-Geschäft.

Auf seiner Skala gibt es viele Ausschläge, aber keiner war in letzter Zeit wohl so heftig wie der bei den Klaxons. Berechtigterweise, wie sich zeigt, denn neben dem radiofreundlichen „Golden Skans“, das Erol Alkan in seinem Remix einen träumenden, beinahe spacigen, Anstrich verlieh, ist die bald zum zweiten Release erscheinende Single „Gravity’s Rainbow“ weitaus rockiger und weiß mit einem Chorus allererster Güte zu überzeugen. „Come with me, come with me, we’ll travel to infinity”; dies schallte aus den Kehlen des Publikums, die Klaxons haben diese Zeilen vielleicht nicht so bewusst gewählt, aber für eine Millisekunde glaubt man die Unendlichkeit zu spüren, etwas, das nur ein so emotional besetztes Kunstgebiet wie das der Musik verschaffen kann; dass es im zweiten Teil des Refrains „I’ll always be there for you my future love“ heißt, ist ebenfalls kein Stückwerk, sondern eine veritable Thomas Pynchon-Anspielung.

Jener Thomas Pynchon, der seine Leserschaft mit dem gleichnamigen Buch verwirrt und dessen Meisterwerk nachgesagt wird, dass es in all seiner Komplexität vielleicht auch erst in (ferner?) Zukunft verstanden werden wird. Die Klaxons wurden verstanden, vielleicht nicht sofort, aber bald wird auch der letzte, der im „Prime Club“ dabei war, begriffen haben, dass er etwas Großes erlebt hat, etwas das man beinahe nur mit einem Wort umschreiben kann – „massive“.


(Christian Strugala)


 

Das Album „Myths Of The Near Future“ ist bei Polydor (Universal) erschienen.

(http://www.klaxons.net & http://www.myspace.com/klaxons)


 

 


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