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„Massive!“
Die Klaxons wissen im
Kölner „Prime-Club“ zu brillieren
Das Wort „massive“, in
der englischen Musikpresse als neues glorifizierendes Umschreibungswort
geläufig, kann, wie kaum ein deutsches Wort es vermag, etwas Großartiges
umschreiben.
Obwohl es sprachhistorisch eng mit dem deutschen Wort „massiv“
verwandt ist, liegen zwischen diesen beiden Wörtern phonetische Welten.
Während „massiv“ kurz und bieder erscheint, kann man „massive“ wie ein
elastisches Band dehnen, ohne dass man peinlich wird, weil man es überspannt.
Genau dieser Umschreibung wurden die Klaxons am Samstag gerecht.
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Mit einem
furiosen „The Bouncer“ (“Your name’s not down, you’re not coming in“)
startend, wirbelte die Truppe aus Süd-London das Publikum im kleinen
Kölner Veranstaltungsraum “Prime Club” wild durcheinander. Schon der Opener
mag aufzeigen mit welcher Intensität die vier Engländer unterwegs sind.
Dieser
erste Eindruck wurde spätestens beim nächsten Song „Atlantis To Interzone“
noch verstärkt. Hier zeigen sich die Stärken, der als „New Rave“ gehandelten
Band am deutlichsten, denn sie demonstrieren eindrucksvoll, dass sie
keineswegs dem „Rave“ verfallen sind, sondern etwas auf die Bühne stellen, das
einzigartig in der Musiklandschaft ist.
Die Klaxons haben als großen Witz zu
Beginn ihrer Karriere ihren Musikstil als „New Rave“ bezeichnet, einem Genre,
welchem sie jedoch, vernünftigerweise wie sich zeigt, schon nach kurzer Zeit
entflohen sind; dass, was das Publikum an diesem Abend zu sehen und hören
bekommt, sind eben nicht in fluoreszierenden Farben verpackte aufgewärmte
Rave-Songs, nein, die Klaxons zeigen, dass sie als eine der wenigen – und
derzeit einzige Band – Prog auf den Punkt bringen können.
Keine überlangen
Gitarrensoli, keine Spielereien, hier wird jeder Ton bewusst gewählt, jede
Melodie schwebt über das völlig entfesselte Publikum hinweg, das die Emotionen
nicht anders zu zähmen weiß als geradewegs die Bühne zu stürmen. Diese Briten
wissen die Zuhörer zu locken, sie brauchen keine Pfeife oder Flöte wie der
Rattenfänger von Hameln, sie wollen das Publikum auch nicht ins Verderben
führen, das, was sie wollen, ist ganz freundlicher Natur: sie führen die
Indieszene zueinander. Hier kopuliert, bildlich gesprochen, im Rausch der
Gitarren, des Schlagzeugs und Keyboards, der Indie- mit dem Elektrophilen,
hier werden die Grenzen, die auf der Tanzfläche gezogen werden, verwischt,
hier findet das statt, was seit einem halben Dutzend Jahren keine andere Band
mehr vermocht hat. „The Rapture“ und „The Strokes“ machten Klubmusik tanzfähig
auf dem Indieparkett, die „Klaxons“ machen das Keyboard so salonfähig, dass es
als ein gleichberechtigtes Mitglied der Indie(rock)familie angesehen werden
kann.
Dem, der etwas Großes erlebt,
wird oftmals erst hinterher bewusst, was er erlebt hat. Genau dieses Gefühl
werden die Zuschauer, die den „Prime Club“ bis zum Bersten füllten, mit nach
Hause genommen haben.
Mit Glowsticks bewaffnet und
in Kapuzenpullovern gehüllt, neonfarben strahlend und den alten
"Acid-House"-Smiley wieder aufleben lassend, standen die Erwartungsfrohen
schon Stunden vor dem Einlass am Prime Club. Erste Versammlungen konnten um
halb sechs festgestellt werden, aber die Schlange, die sich kurz vor dem
Konzert bildete, glich dann im Ansatz doch den guten alten „Trash“-Zeiten im
Londoner Klub „The End“. Dort wo der
Mastermind der „elektronischen
Tanzmusik“, Erol Alkan, auf seiner Party die Klaxons spielen und ihre Platten,
immer wieder, jeden Montag, rotieren ließ. Erol Alkan ist so etwas wie
der Seismograph im Indie-Geschäft.
Auf
seiner Skala gibt es viele Ausschläge, aber keiner war in letzter Zeit wohl so
heftig wie der bei den Klaxons. Berechtigterweise, wie sich zeigt, denn neben
dem radiofreundlichen „Golden Skans“, das Erol Alkan in seinem Remix einen
träumenden, beinahe spacigen, Anstrich verlieh, ist die bald zum zweiten
Release erscheinende Single „Gravity’s Rainbow“ weitaus rockiger und weiß mit
einem Chorus allererster Güte zu überzeugen. „Come with me, come with me,
we’ll travel to infinity”; dies schallte aus den Kehlen des Publikums, die
Klaxons haben diese Zeilen vielleicht nicht
so bewusst gewählt, aber für eine
Millisekunde glaubt man die Unendlichkeit zu spüren, etwas, das nur ein so
emotional besetztes Kunstgebiet wie das der Musik verschaffen kann; dass es im
zweiten Teil des Refrains „I’ll always be
there for you my future love“ heißt, ist ebenfalls kein Stückwerk,
sondern eine veritable Thomas Pynchon-Anspielung.
Jener Thomas Pynchon, der
seine Leserschaft mit dem gleichnamigen Buch verwirrt und dessen Meisterwerk
nachgesagt wird, dass es in all seiner Komplexität vielleicht auch erst in
(ferner?) Zukunft verstanden werden wird. Die Klaxons wurden verstanden,
vielleicht nicht sofort, aber bald wird auch der letzte, der im „Prime Club“
dabei war, begriffen haben, dass er etwas Großes erlebt hat, etwas das man
beinahe nur mit einem Wort umschreiben kann – „massive“.
(Christian
Strugala)
Das Album „Myths
Of The Near Future“ ist bei Polydor (Universal)
erschienen.
(http://www.klaxons.net
&
http://www.myspace.com/klaxons)
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